Freitag, 28. Mai 2021

Von der Handarbeit

 Zum Dorf gehören die Landwirtschaft, die Siedlung, das Feld – und die Handarbeit! Letzteres wird oft vergessen, ist aber essentiell für die Geschichte des Dorfes und – auch wenn das hier sehr hoch gegriffen erscheinen mag, für die gesamte Menschheitsgeschichte vor der Industrialisierung – die Handarbeit. „Vom Elend der Handarbeit“ heißt ein Sammelband aus den 1980er Jahren und er handelt von der Geschichte der Unterschichten. Diese waren es, denen die Handarbeit vorbehalten war – die Oberschichten ließen sich bedienen – aber die anderen, und das war die Mehrheit, musste sich der Mühsal der Handarbeit unterziehen.

Handarbeit war – fast – alles: Die Arbeit im Haushalt, der Hausbau, die Arbeit auf dem Acker, alles musste mit den Händen der Menschen gemacht werden, zuweilen unter Zuhilfenahme tierischer Arbeitskraft. Aber selbst wenn diese zur Verfügung stand, entband das die Menschen nicht von der Arbeit ihrer Hände. Der pflügende Knecht (manchmal auch der Bauer) musste den Pflug und das Pferd führen, von allein lief es nicht vor dem Pflug. Mit dem Pferd konnte der Acker bearbeitet werden, aber der Mensch musste nebenher gehen und führen. Die Ernte war dagegen sehr stark Handarbeit – noch bis vor wenigen Jahrzehnten.
Filme des frühen 20. Jahrhunderts zeigen diese zeitaufwendige Arbeit sehr deutlich. Handarbeit prägte Dorfleben bis vor wenigen Jahrzehnten noch immer und überall. Ob es das Brotbacken war, die Gartenarbeit – damals waren Gärten noch Nutzgärten und keine Steingärten – , die Arbeit auf dem Feld, aber auch in den Handwerksbetrieben. Überall wurde mit den Händen gearbeitet.

 
Wer nun denkt, was schreibt der da? Das ist doch normal, der möge sich einmal ansehen, wo und wie wir heute noch mit unseren Händen arbeiten. Die Handarbeit, d.h. die Arbeit mit den Händen, das Zusammenspiel von Auge und Hand, das Erlernen feiner Anpassungen eigener Tätigkeit an den Gegenstand, das Üben, all das gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Forschung hat sich dieses Thema, wenn ich das richtig sehe, nur relativ begrenzt angenommen und dann als Teil der Unterschichtenforschung. (Mommsen, Hans; Schulze, Winfried (Hg.): Vom Elend der Handarbeit : Probleme historischer Unterschichtenforschung, Stuttgart 1981.)

 
Aber war das alles nur Mühsal und Elend? Ich bin da nicht so sicher. Oft muss ich an meine Großmutter denken, die im Sommer morgens früh aufstand, Erbsen pflückte und dann stundenlang die Erbsen auspuhlte. Das war ein Bestandteil ihres Lebens, der ihm Sinn gab. Vor kurzem habe ich ein Video über die Frühgeschichte von Hokkaido gesehen und dort wurde eine ältere Dame gezeigt, die seit 40 Jahren auf den Knien mit einer einfachen Methode mit einem Rückengurt webt. Eine mühselige Arbeit, die aber von dieser Frau gern gemacht wird, weil sie Teil ihres Lebens ist. (https://www.youtube.com/watch?v=AS6_eBsA4oU&t=2565s)
Oder ich muss an die Glasmacher denken, die einerseits eine harte und schwere Arbeit zu verrichten hatten, aber gleichzeitig stolz darauf waren, diese schwere und komplizierte Arbeit zu beherrschen, die sonst niemand ausüben konnte. Für sie war die Einführung der automatisierten Glasherstellung Anfang des 20. Jahrhunderts ein schwerer Schock, nahm diese doch ihrer Handarbeit ihren spezifischen, nicht austauschbaren Charakter. „Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm es will!“ Das war ein deutliches Zeichen dieses Arbeiterselbstbewußtseins, das sich mit dem Begriff der Unterschicht fassen lässt. Oder die Dampflokbesatzungen, die einerseits schwere Arbeit zu verrichten hatten, aber ohne deren Fachwissen eine Dampflok keine Höchstleistungen erbringen konnte.
Ohne das ganz spezifische Fachkönnen ging kaum etwas. Wir haben in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Wertewandel erlebt, Handarbeit gilt mittlerweile als niedrige Arbeit, Arbeit am Schreibtisch dagegen als hochwertig. Lieber ein arbeitsloser Architekt sein, als ein gut bezahlter Handwerker, so könnte man unsere heutigen Wertungen zusammenfassen. Was heute nur noch zählt, ist höhere Bildung. Folgt man einigen der üblichen Wertungen, dann zählt nur noch der gymnasiale Abschluss. Damit hat unsere Gesellschaft Wertungen der früheren Oberschichten übernommen und sich vom Selbstverständnis der „einfachen Leute“, die ihr Selbstbewußtsein und ihre Identität aus der Handarbeit, aus ihrer Schwere, aber auch ihrer Beherrschung ableitete, verabschiedet.
Was hat das für das Dorf zu bedeuten? Dorf war sicher nicht nur Gemeinschaft, auch wenn das heute viele glauben. Dörfer waren Klassengesellschaften mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Oben und Unten, mit vornehmen Gutsherren, reichen Bauern und armen Tagelöhnern und allem Möglichem dazwischen. Dorf war zudem ein Ort der Arbeit, im Haus, im Handwerksbetrieb und auf dem Feld. Der Jahresrhythmus des Dorfes war zudem vom Wechsel der harten Arbeit und dem ausgelassenen Feiern geprägt, „Saure Wochen, frohe Feste“ prägten das Leben, wobei die „frohen Feste“ auf wenige Ereignisse im Jahr begrenzt waren. (Weber-Kellermann, Ingeborg: Saure Wochen, frohe Feste: Fest und Alltag in der Sprache der Bräuche, München 1985.) Inzwischen werden Erntefeste wieder gefeiert, aber die sauren Wochen davor, die harte Arbeit auf dem Feld haben wir mal eben gestrichen. Damit ist eigentlich ein Menschheitstraum erfüllt, nicht für alle Menschen, aber für viele. Körperliche Arbeit gehört für immer mehr Menschen der Vergangenheit an. Eigentlich ein Grund zum Feiern, aber, und hier sind die Neurowissenschaft gefragt, kommt die Frage auf, welche Folgen es hat, wenn wir immer weniger mit unseren Händen machen, aber auch der Mühsal der Handarbeit ausweichen. Das alles ist nicht mein Fachgebiet und kann nicht Gegenstand dieses Blogs ein. Hier geht es vielmehr darum, auf das Verschwinden der Handarbeit aus dem Dorf zu verweisen, eine höchst ambivalente Geschichte. Die letzten 60 Jahren haben diesen Wandel ermöglicht, für die kleinen Leute auf den Dörfern bedeutete dies auch das Ende der Abhängigkeit von Bauern. In mehreren Dörfern wurde mir vor 30 Jahren von dieser Emanzipation berichtet. Nun waren es die Bauern, die allein ihre Höfe bewirtschaften mussten, weil es keine Landarbeiter mehr gab. Aber das ist fast schon wieder eine andere Geschichte.

Montag, 24. Mai 2021

Über die Dörfer

 Es gibt sie noch, die abgeschiedenen, stillen Dörfer: wenig Häuser, kaum Neubauten, alles eher alt, manches verwahrlost, anderes verlassen, wieder anderes liebevoll hergerichtet. Zwischendurch eine Rasen- oder schlimmer noch, eine Steinwüste. Aber letzteres hält sich noch(?) in Grenzen, allerdings ist unübersehbar, dass Dorfbewohner es gern ordentlich haben - zumindest in der Masse. Aber die fehlenden Neubaugebiete verhindern ein zu eintöniges Bild. Es wechseln sich also in diesen abgelegenen, kleinen Dörfer größere Hofanlagen, kleinere Höfe, Neubauten aus den 1950er Jahren bis heute ab. Die Grundstücke sind meist nicht gleichmäßig, sondern oft regelrecht ineinander verschachtelt. Die Gärten sind groß, allerdings ebenfalls auch die Parkplätze vor den Häusern. 

Man sieht noch recht viel ältere Bäume und Büsche, jedoch sind die Rasenflächen recht ausgedehnt und kurz geschnitten. Der Blick auf die meist kurzgeschorenen Rasenflächen läßt den nostalgischen Blick schärfen. Echte Gemüsegärten gibt es so gut wie gar nicht, mal ein schon aufgeworfenes Kartoffelfeld, aber das war es, keine Bohnen oder Erbsen, Erdbeeren oder Stachelbeeren. Vielleicht sind diese Gärten schön hinter den Häusern versteckt, damit niemand etwas sieht. Aber das erscheint mir unwahrscheinlich. Vielmehr zeugen die durchaus liebevoll angelegten Gärten mit Büschen, Ziersträuchen, neckischen Figuren und Steinhaufen von dem Bemühen, es „schön“ zu haben, wobei das, was „schön“ ist, sehr im Auge des Betrachters liegt, wie es so schön heißt. Für einen Nutzgarten ist da wenig Platz - und vermutlich auch Zeit, denn die scheint knapp zu sein. 

Vielleicht ist in den Dörfern die Freude darüber, sich von der Mühsal der Landarbeit emanzipiert zu haben, immer noch zu ausgeprägt, als dass man dem eigenen Nutzgarten nachtrauern würde. Es stehen auch meist genügend Autos vor der Tür, um schnell zum nächsten Supermarkt fahren zu können, der sich im nächsten oder übernächsten Ort befindet. Es fehlt aber noch mehr. In diesen kleinen, stillen Dörfern gibt es schon längst keine Läden mehr, keinen Bäcker, keinen Dorfladen, keine Schule, keine Post. Sie sind alle mit den Nutzgärten ausgezogen und offenbar vermisst sie niemand ernsthaft. Das Leben funktioniert auch ohne sie ganz gut. 

Es ist nämlich noch etwas aus diesen kleinen, stillen Dörfern verschwunden: die Armut. Den Menschen hier scheint es durchgehend sehr gut zu gehen, davon zeugen die gepflegten Häuser und Gärten, der Zierrat an und um die Häuser, die mindestens zwei, meist neueren Pkw, daneben steht dann zuweilen auch noch ein Wohnmobil. Man ist wohlhabend. Die Armut, einst ein unumgänglicher Bewohner von Dörfern ist verschwunden oder zumindest nicht mehr sichtbar. 

Sichtbar ist ein schönes Stichwort, denn sichtbar ist auch anderes nicht, etwa die Menschen. Man kann durch mehrere Dörfer gehen, bei schönstem Wetter, es ist kaum jemand zu sehen. Nicht auf den Dorfstraßen, nicht vor den Häusern, nicht in Gärten. Man geht zuweilen durch eine verlassene, stille Idylle. Und stünden da nicht überall Autos vor den Häusern, sollte man meinen, dass die Menschen ihre Dörfer zusammen mit der Post, dem Nutzgarten, dem Dorfladen, der Dorfschule verlassen haben. Wo sind etwa die alten Frauen geblieben, die wiegend mit dem Fahrrad durchs Dorf fuhren? Wo die Kinder? 

Verschwunden ist auch die Landwirtschaft. Und das ist das Seltsamste. Sicher, wenn man sich dem Dorf zu Fuß, nicht per Auto oder per Rad, nähert, dann geht man durch Felder. Große Felder, zuweilen, aber nur sehr selten, eingehegt durch Hecken, manchmal immerhin noch umgeben von einem schmalen Ackerrain, aber sonst riesige Felder. Von Menschen verlassene Felder, die nur zu bestimmten Zeiten von riesigen Maschinen bevölkert werden. Kommt man dann in die Dörfer, dann gibt es dort höchstens noch eine Hofanlage zu sehen, auf der Landwirtschaft betrieben wird. Wenn man Glück hat. Allerdings haben Pferde wieder Einzug in manche Dörfer gehalten, Pferde zum Spaß und als Hobby, nicht als notwendige Nutztiere. Aber immerhin, es riecht dann ein wenig nach Tier und Mist. 

Vielleicht habe ich nur die falschen Bilder im Kopf, Bilder von Dörfern, die über Jahrhunderte ganz aussahen, in denen das Leben nicht so leicht und einfach war wie heute, die aber nicht verlassen waren von Ente, Pferde, Kuh, Schwein, Erbsen, Bohnen, Dorfschule oder Armut. 





Donnerstag, 17. September 2020

Weiterbildung: Dörfer nach 1945

 In diesem Herbst finden wieder Weiterbildungen statt. Für die erste, die sich in Braunschweig dem Thema "Dörfer nach 1945" widmet, habe ich angefangen, eine Einführung zu schreiben, die immer noch etwas unvollständig ist, aber dennoch hier schon heruntergeladen werden kann: Die große Transformation: Dörfer nach 1945.

Dienstag, 1. September 2020

Es wird langweilig - warum ich Literatur über Dörfer und den ländlichen Raum immer weniger gern lese

Es gibt ein neues Buch, geschrieben von einem sicher klugen Mann, einem Geografen, das wieder einmal vom Landleben handelt. Betrachtet man die Literatur zum Thema, so fallen zwei Arten auf: Da sind einerseits die rein wissenschaftlichen Arbeiten wie die von Trossbach und Zimmermann oder die in Halle erscheinende Reihe, herausgegeben von Nell und Weiland. Erstere geben einen eher emotionslosen, wissenschaftlichen Überblick, letztere decken ein breites Spektrum an Themen ab, wobei - bedingt durch die Herkunft der Herausgeber - eher literaturwissenschaftliche Aspekte und dann vorrangig aus einer mittel- und osteuropäischen Perspektive betrachtet werden, was dem Thema ohne Zweifel gut bekommt.

Und dann sind da, und darauf bezog sich meine Überschrift die Bücher, die einen Überblick geben wollen, aber sich als eine Verteidigung des Landlebens oder gar des Dorfes sehen. Gerhard Henkel hat mehrere solcher Bücher geschrieben. Und ich möchte nicht mißverstanden werden: Das sind durchaus kluge Bücher mit vielen wichtigen Informationen über den ländlichen Raum. Das gilt auch für das neue Buch von Bätzing. Aber, nun kommt mein großes Aber: Mir fehlt in diesen Büchern der Widerspruch, das diskursive, sie sind linear geschrieben und folgen einem einzigen Narrativ, nämlich dem, dass das Landleben unverzichtbar für eine Gesellschaft ist (was ich auch glaube, aber was vielleicht doch zu diskutieren wäre) und es vor allem dort sehr lebenswert sei. Die alte, von Bergmann schon beschriebene Agrarromantik scheint hier immer wieder durch. 

Und hier setzen meine Zweifel an. Warum etwa, so ließe sich für die Vergangenheit fragen, war es denn so schön auf dem Dorf, wenn doch die Menschen, sowie sich die Gelegenheit ergab, die Flucht ergriffen? Nun gut, nicht alle, aber doch sehr, sehr viele. Das ist doch unlogisch, es sei, man unterstellt den Landbewohnern unlogisches Verhalten. Aber wäre das nicht wieder ein arroganter städtischer Blick auf das Dorf und seine Menschen? Also, weshalb verlassen im 19. und 20. Jahrhundert so viele Menschen ihre Dörfer, wenn es dort doch ein so schönes Leben war? Vielleicht, weil diese Bilder die andere Seite des Dorflebens ausblenden? Die Härte und Abgeschiedenheit des Alltags? Und weil sie die Machtfrage ausblenden? Im 19. Jahrhundert, in der Industrialisierung setzen die Klagen über die Landflucht ein, vorgetragen von den großen Betrieben, den Großbauern und den Gutsbesitzern. Die brauchten nämlich die einfachen Leute, damit sie die Arbeit machen konnten. Eine Arbeit, die schlecht bezahlt war, keine Aufstiegsmöglichkeiten bot und kaum Chancen, sich gegen Übergriffe der Arbeitgeber zur Wehr zu setzen. Diese Bedingungen betrafen erschreckend viele Dorfbewohner, nämlich die zahlreichen Kleinststellenbesitzer und Mieter auf den Dörfern, die in den gängigen geschönten Bildern vom Dorf gern ausgeblendet werden. Für viele von diesen war es attraktiver, in die Stadt oder in die Industrie zu gehen, obwohl es dort erst einmal nicht so viel besser war, aber es gab eben die Chance des Aufstiegs. 

Wer über die Mühen des Alltags der kleinen Leute auf dem Lande mehr erfahren will, sollte sich Franz Rehbeins Berichte aus dem Leben eines Knechts und Tagelöhners ansehen (viele der von ihm Ende des 19. Jahrhunderts beschriebenen Verhältnisse decken sich erschreckend gut mit den Berichten meiner Mutter, die Ende der 1940er Jahre Magd auf einem Bauernhof war ...). Das war auch kein Einbahnstraße, Rehberg entscheidet sich, als er die Wahl hat, weiter für das Landleben und gegen die Stadt. Aber für die meisten fiel die Wahl anders aus. 

Ehe ich mich in diesem Thema verliere, ein Szenewechsel. Heute wird ja wieder über die Benachteiligung des Landes geklagt, die Geschäfte verschwinden, die Stadt kontrolliert das Land, so ließe sich sehr knapp der Befund zusammenfassen. Gleichzeitig gibt es eine massive Ästethisierung des Landlebens. In den Medien tauchen die schönen alten Bauernhöfe auf, aber die teils schrecklichen und teils zusätzlich monotonen Neubaugebiete, die sich in die Landschaft fressen, werden dabei übersehen. Das fängt bei mir hier vor dem Haus an: Noch nicht alle, aber immer mehr, schütten ihr Vorgärten mit Steinen zu, bauen große gepflasterte Stellplätze für ihre Autos. Es ist schon absurd: Während in der Stadt die autofreie Innenstadt (wo seltsamerweise kaum jemand wohnt, aber das ist eine andere Geschichte) gefordert wird, kümmert sich hier auf dem Lande niemand um weniger Autoverkehr, ganz im Gegenteil. Während die Krise des Landlebens ausgerufen wird, die in der Benachteiligung zulasten der Städte bestehe, sieht niemand die wirkliche Krise des Landlebens: Die Zerstörung des Landes durch die Dörfer und ihre Bewohner. Es ist ja nicht nur die Art und Weise, was die „neuen“ Dorfbewohner mit ihren Grundstücken veranstalten, sondern diese neuen Grundstücke selbst sind das Problem. Und das zweite Problem sind die Verantwortlichen in den Gemeinden, die eben kein Problem darin sehen, dass ihre Neubaugebiete das zerstören, was zum alten Dorf untrennbar dazu gehörte: Eine Feldmark, die elementar für die Ernährung und das Leben der Menschen war. 

Was das bedeutet, mögen ein paar Zahlen verdeutlichen: 1800 lebten auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik weniger als 20 Millionen Menschen, weniger als ein Viertel der heutigen Bevölkerung. Davon lebte die weitaus größte Zahl auf dem Land oder in Kleinstädten (deren Bürger ebenfalls immer etwas Landwirtschaft betrieben), Fleisch wurde nur in sehr geringen Mengen verzehrt, Vieh wurde vor allem gehalten, um Dünger für den Acker zu gewinnen. Ca. 80-90 % der Menschen verbrachten mehr oder weniger große Teile ihrer Zeit auf dem Feld oder mit Arbeiten, die der Gewinnung oder Zubereitung von Nahrung gewidmet waren. Und dennoch waren die Ernährungsverhältnisse aus heutiger Sicht katastrophal, drohte fast immer ein Hungerjahr, war ein voller Magen etwas Besonderes. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn der erwähnte Franz Rehbein seine Arbeitgeber vor allem danach bewertete, ob sie reichlich und gut zu essen gaben. Das sind ferne Zeiten, die hoffentlich nicht wiederkehren, aber wer weiß das schon?

Also bitte etwas mehr Ehrlichkeit. Und mehr Differenzierung, denn das Landleben ist nicht nur von dem Aussterben der Dörfer bedroht, wie in manchen Regionen Deutschlands, sondern auch davon, dass hier zu viele mit einem zu hohen Landverbrauch leben. 


Die Bücher:

Bätzing, Werner, Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. München 2020.

Henkel, Gerhard, Der ländliche Raum: Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland. Berlin 2004 (und neuer).

Ders.: Rettet das Doref! Was jetzt zu tun ist. München 2. Aufl. 2018

Nell, Werner; Weiland, Marc, Hrg.: Imaginäre Dörfer: Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt. Bielefeld 2014.

Trossbach, Werner; Zimmermann, Clemens, Die Geschichte des Dorfes. Von den Anfängen im Frankenreich zur bundesdeutschen Gegenwart. Stuttgart 2006.


Franz Rehbein, Aus dem Leben eines Landarbeiters und Tagelöhners gibt es u.a. hier: [http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Rehbein,+Franz/Das+Leben+eines+Landarbeiters]


Samstag, 22. August 2020

Vom Wert des Ackerlandes

 Die aktuellen Debatten zwischen Nabu und Landwirtschaft sind hochinteressant, verweisen sie doch auf ein zentrales Problem unserer aktuellen Debatten, sie gehen an einem zentralen Aspekt vorbei: dem exzessiven Verbrauch von Ackerflächen für Siedlungen und Verkehr! Derzeit sind es etwa 56 ha täglich (!), die in diesem Land für Siedlung und Verkehr verloren gehen; zwischen 1992 und 2017 waren das insgesamt 1,29 Millionen ha!

Das Umweltbundesamt schreibt dazu: 

„Insgesamt sind die Inanspruchnahme immer neuer Flächen und die Zerstörung von Böden auf die Dauer nicht vertretbar und sollten beendet werden. Angesichts global begrenzter Landwirtschaftsflächen und fruchtbarer Böden sowie der wachsenden Weltbevölkerung ist der anhaltende Flächenverbrauch mit all seinen negativen Folgen unverantwortlich. Dies gilt auch und besonders mit Rücksicht auf künftige Generationen.“ (https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/siedlungs-verkehrsflaeche#anhaltender-flachenverbrauch-fur-siedlungs-und-verkehrszwecke-)

Diese Zerstörung von Natur in großem Stil findet auch in Schaumburg statt. In Nienstädt soll eine Umgehungsstraße gebaut werden, in Bad Nenndorf ein großes Werk für VW, fast jede Gemeinde ist „stolz“ auf ihre Neubaugebiete, immer mehr Eigenheimbesitzer pflastern ihre Grundstücke zu oder legen „Gärten des Grauens“ an. Nahezu grotesk mutet es dann an, wenn - wie gerade in Bad Nenndorf - davon die Rede ist, „Ausgleichsflächen“ zu schaffen: Woher sollen die denn kommen? Allerdings gibt es nicht nur das Negieren dieses enormen Flächenverbrauchs, sondern Ackerland wird als weniger „wertvoll“ angesehen als naturnahe Flächen. Wenn wir also genug „naturnahe“ Flächen ausweisen, so die Annahme, sei das Problem gelöst. Diese Flächen sind dann logischerweise Ackerland ...

Was bei der Zerstörung von Ackerland gern vergessen wird: Wenn wir ökologisch angebaute Nahrungsmittel haben wollen, dann brauchen wir das gute Ackerland! Aber genau diese Flächen werden zugunsten von Neubaugebieten, Straßen und Gewerbegebieten zerstört und zwar unwiederbringlich. Während die vermeintlich „wertvollen“ Flächen noch einen gewissen Schutz erfahren, gilt das für Ackerland nicht. 

Für die Menschen vor 200 Jahren, die immer mit katastrophalen Hungersnöten rechnen mussten, war es klar, dass Ackerland schützenswert war, weil es die Ernährung der Menschen (zusammen mit der Nutzung von Gemeinheiten und Weiden) sicherte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, auf den besten Böden der jeweiligen Gemarkung Häuser zu bauen. Heute finden wir ein solches Verhalten normal. Das kann man gut in einigen Gemeinden Schaumburgs sehen. In Altenhagen (Hagenburg) beispielsweise sind große Teile des ursprünglichen Ackerlandes mittlerweile ein riesiges Gebiet mit Einfamilienhäusern geworden.  

Das Ziel muss dagegen sein, den Flächenverbrauch massiv weiter zu senken, anstatt ihn zu erhöhen und dabei nicht nur auf naturnahe Flächen zu sehen. Das setzt neue Ideen und vor allem neue Verhaltensweisen voraus, an denen es aber offenkundig auch in Schaumburg mangelt. So würde eine Wiederinbetriebnahme der Eisenbahn zwischen Rinteln und Stadthagen keine Flächen verbrauchen, eine Umgehungsstraße aber sehr wohl. Erstaunlich ist an den Nienstädter Verhältnissen, dass im Unterschied zum Auetal offenbar der Widerstand nicht breiter ausfällt gegen eine großflächige Zerstörung von Landschaft und Ackerland.

Ohne ein strukturelles Umdenken in Sachen Flächenverbrauch und eine Neubewertung von Ackerland werden die jetzt geführten Auseinandersetzungen wenig an den entscheidenden Problemen ändern. 

Montag, 3. Juni 2019

Das Grau(en) der Dörfer

Es ist eine interessante Erfahrung, zu Fuß durch die Dörfer zu gehen; denn dann bieten sich interessante Einblicke in dörfliches Leben. „Interessant“? Ich könnte auch schreiben: Erschreckend, aufregend, ernüchternd. Und ja, auch manchmal hoffnungsvoll. Weshalb diese skeptische Einführung und aus welcher Perspektive geschrieben? Unsere Welt steht vor großen Herausforderungen, unsere Umwelt ist gefährdet und damit unsere Zukunft. Okay, das können andere besser formulieren, aber seltsamerweise sieht niemand auf ein paar Details, die sich aufdrängen, wenn man nicht nur über die Dörfer geht, sondern auch noch zum Vergleich Landkarten ansieht. Das Dresdner [Kartenforum] bietet hierfür eine faszinierende Grundlage. Der Vergleich der Siedlungsverhältnisse zwischen etwa 1900 (im Norden meist die Preußische Landesaufnahme aus der Zeit um 1900) mit den heutigen Siedlungsverhältnissen zeigt erschreckende Ergebnisse, die besonderes bei Städten auffallen. Kleinstädte umfassten um 1900 häufig noch den frühneuzeitlichen Umfang, größere Städte waren zwar in dieser Zeit über die frühneuzeitlichen Grenzen hinausgewachsen, aber sie waren meist noch umgeben von einer stadtnahen Landschaft aus Feldern und Dörfern. Selbst Berlin war damals nur teilweise über den S-Bahn Ring hinausgewachsen.
In den 100 Jahren danach sind fast alle Siedlungen in einem dramatischen Umfang gewachsen, aber nicht nur die größeren Städte, die die einst umliegenden Dörfer längst eingemeindet und zu dicht bebauten Stadtteilen gemacht haben, sondern auch die kleinen Städte und die Dörfer sind weit über ihre früheren Grenzen hinaus gewachsen. Nie dürfte die Siedlungslandschaft in so kurzer Zeit so gravierend verändert worden sein.
Was das bedeutet, kann man bei den bewußten Spaziergängen gut beobachten. Neben den alten Dorfstrukturen gibt es mindestens zwei neue „Ringe“, die die Dörfer verändert haben: Da sind zum einen die Siedlungen, die in den späten 1950er und den 1960er Jahren meist für die Flüchtlinge gebaut wurden und die sich meist durch eine eher eintönige Gestaltung auszeichnen, auch wenn jeder Hausbesitzer versucht hat, Individualität umzusetzen. Dann kommen die Neubausiedlungen seit den 1970er Jahren, die gerade in den letzten Jahren durch weitere Siedlungen ersetzt worden sind. Sie könnten auch in Kleinstädten oder selbst am Rande von Großstädten stehen. Es sind eben Eigenheime, möglichst „individuell“ gestaltet, von Dörflichkeit ist bei ihnen meist nichts zu sehen. Diese neuen Siedlungsteile machen in den meisten Dörfern aber den Großteil der bebauten Flächen aus. Mit den schönen Bildern von Dorf hat das jedenfalls nichts zu tun.
Was ich aber jenseits der manchmal sehr, sagen wir mal „experimentellen“ architektonischen Gestaltung problematisch finde, ist etwas anderes. Würde man die neuen „Dorfbewohner“ fragen, weshalb sie nicht in der Stadt wohnen, dann dürfte die Natur keine unwichtige Rolle spielen. Aber bitte: Weshalb vernichtet ihr in ihren Vorgärten und Nachgärten möglichst alles Natürliche? Der kurzgeschorene Rasen und das Immergrün wirken ja schon fast natürlich angesichts des neuesten Trends, möglichst jede Fläche auch jenseits der meist großzügig bemessenen Pflasterungen für das liebe Auto nun mit Folie zu unterlegen und dann graue Steine darauf zu packen. Dasselbe Spiel wiederholt sich bei Mauern. Alles muss offenbar schön steril sein auf dem Land im Reiche der Neubürger. Was bitte geht hier vor?
Was das Ganze noch problematischer macht: Die Neubausiedlungen werden meist auf Ackerland angelegt - alle wollen natürlich produzierte Nahrungsmittel essen, aber niemand fragt sich, woher die kommen sollen, wenn immer mehr Felder zu sterilen Neubaugebieten werden. Wenn dann wenigstens möglichst viel naturnahe Flächen auf den Grundstücken entstehen würden, aber hier scheint das Graue(n) gerade derzeit auf dem Vormarsch zu sein.   

Donnerstag, 8. Juni 2017

Wanderungen

Über Pfingsten war ich wieder in meiner alten Heimat. An drei Tagen bin ich fast 50 km durch fünf Dörfer, einen Flecken, eine kleine Kleinstadt und viel Landschaft gelaufen. Es war eine interessante Erfahrung. 
Da war die eine, dass ich nur wenige Menschen getroffen habe, die aber durchaus freundlich grüßten. Eine Frau kam gerade aus einem Haus heraus, sah mich den Berg hinauf gehen und wartete extra auf mich, um mit mir ein kleines Schwätzchen anzufangen. Es war in einem Nachbardorf meines Geburtsortes, dort, wo unsere Kirche war (und immer noch ist). Sie kannte meine Eltern gut und so hatten wir einiges zu besprechen. Gewohnt habe ich auch in einem Nachbardorf bei einer ehemaligen Mitschülerin, die allerdings auch nicht aus meinem Dorf stammt, sondern aus einem weiteren Nachbardorf. Vielleicht ist das symptomatisch: Im Gegensatz zu mancher Dorfforschung sind die Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen nicht auf ein Dorf bezogen, sondern bestehen in einer Gruppe nahe beieinander liegender Dörfer, in denen allein durch Schule, Kirche und Arbeit Netzwerke entstanden sind. 
Ich war an diesen Tagen der einzige Fußgänger und habe es genossen. Allerdings wirken die meisten der Orte, in denen ich war, verlassen. Das gilt auch für die Kleinstadt, die keine bemerkenswerten touristischen Angebote hat und selbst am Samstag sehr ruhig wirkte, die meisten Stadtbewohner kauften gerade in dem Supermarkt am Rande des Ortes ein, wobei selbst dieser Supermarkt eher bescheiden wirkte. 
In dem erwähnten Flecken sah es am Pfingstsonntag schon anders aus, die Nähe des Steinhuder Meeres läßt diesen Ort teilweise von den Touristenströmen profitieren und verschaffte mir einen landestypischen (vor allem als Wahlhannoveraner) Imbiss. 
Am Steinhuder Meer musste ich mir strecken- und zeitweise meinen Weg mit den fahrradfahrenden Touristen teilen, nicht schön, besonders wenn ich daran denke, wie leer es noch vor 45 Jahren hier war! Das Bruch am Südufer des Steinhuder Meeres mit dem Blick auf das kleine Hochmoor, in dem einst eine „befestigte Landschaft“ sich befand, eingrahmt von den Rehburger Bergen im Westen und dem Wiedenbrügger Berg im Süden, ist für mich immer noch ein besonderer Ort. Früher gehörte das Singen der Lerchen zu diesem Flecken Erde genauso dazu, wie das metallische Klappern des Baggers der Ziegelei Himmelreich und das Dröhnen der Noratlas und später Transall vom Flughafen Wunstorf. Von all dem ist, bis auf wenige Lerchen, nichts mehr zu hören. Stattdessen preschen jetzt radfahrende Großstädter über die Feldwege ohne allzu viel Zeit auf die Landschaft zu verschwenden. Faszinierend aber auch, wie sie alle auf dem ausgezeichneten Weg bleiben, keiner kommt auf die Idee, vom Weg abzuweichen, schön für mich, aber doch auch traurig. Sie reißen ihre 35 km um das Steinhuder Meer ab, auf Entdeckungsreise geht aber niemand. 
Unsere Dörfer wirken leer, wenn auch nicht verlassen, hier grüßt man auch den Fremden (bis auf eine Ausnahme, dazu gleich mehr), fängt sogar, siehe oben, ein Schwätzchen an. Die meisten Häuser sind wohlgepflegt, in dem Dorf, in dem ich diese Tage übernachtet habe, gibt man sich besondere Mühe. Hier gibt es sogar einen funktionierenden Hofladen - die dort gekauften Äpfel sind übrigens von besonderer Güte! Dorfgaststätten dagegen sind verschwunden, auch sonst gibt es nichts für den Wanderer. Während wir in der Großstadt (sofern man Hannover für eine solche hält) gerade Jagd auf den Autoverkehr machen, gehört das Autofahren hier zum guten Ton - ohne Auto geht gar nichts. Selbst Fahrradfahrer sind nur selten zu sehen, und dass, obwohl auch etwas abseits des Steinhuder Meeres mehr und mehr Ferienwohnungen zu finden sind. Was läuft da schief? Oder läuft da gar nichts schief, ist es nur der irritierte Blick von jemanden, der mit den falschen Vorstellungen ins Dorf kommt? Aber es gibt ja auch von den Dorfbewohnern Klagen über die schlechte Infrastruktur und den Zustand des Dorfes. Besonders meines Geburtsortes, des Ortes, in dem ich die ersten 21 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wo einst unser Dorfladen samt Kneipe und Saal standen, der Mittelpunkt unseres Dorfs, kann man jetzt noch die Fundamentreste des Saales bewundern und das Dickicht, das sich über den Resten der früheren Anlage erstreckt. Die alte Schule gibt es noch, aber wo vorher ein schöner Garten vor der Lehrerwohnung war, ist jetzt ein Parkplatz!! Die alte Bahnhofsgaststätte steht noch, erinnert aber eher an ein Provisorium, daneben Bauzäune und unsere langsam verfallende ehemalige Molkerei. Mitten auf freien Flächen im Dorf stehen, ich kann es nicht anders beschreiben, seltsame, überdimensionierte Bungalows. Alles macht einen lieblosen, nachlässigen Eindruck. Hier hat sich ein Dorf aufgegeben, so kommt es mir jedenfalls vor, aber vielleicht ist auch alles anders. Da fällt es kaum noch auf, dass am Ortseingang nicht der Name dieses Dorfes, sondern der Gemeinde steht, zu der dies Dorf gehört. Vielleicht passt es dazu, dass ich gerade hier nicht gegrüßt wurde (allerdings war ich bei alten Freunden zum Kaffee gern gesehen).