Sonntag, 3. April 2022

Der Wald, das Land und das Dorf

Durch einen Artikel in der Berliner Morgenpost bin ich heute auf Tony Rinaudo gestoßen.(fn) Tony Rinaudo hat nicht nur eine sehr effektive Methode der Aufforstung gefunden, sondern weist auch auf die enorme Wirkung von Wald bzw. Bäumen für die Ernteerträge bei hohen Temperaturen hin. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht, vor allem, weil ich immer noch im Hinterkopf die schaumburgische Forstordnungen und andere Anweisungen zum Umgang mit dem Wald habe. Um 1600 war der Wald eine nicht nur sehr wichtige Ressource für das menschliche Überleben, er war auch eine vielfältige Ressource, da er nicht nur Holz bereitstellte (das viel intensiver als heute genutzt wurde), sondern auch für die Landwirtschaft wichtig war, etwa bei der Hude. 

Das führt mich weiter zu der Frage, ob unsere Umweltpolitik nicht zu sehr aus einem Blickwinkel des Überflusses betrieben wird. Wir wollen zwar gern Vielfalt erhalten bzw. wiederherstellen, denken dabei aber nicht an unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln. Wir haben uns in einer historisch und weltweit gesehen einmaligen Situation befunden. Lebensmittel gab und gibt es noch immer genug. Die Frage nach ihrer Erzeugung und ihrer Herkunft spielt zwar in den Debatten eine Rolle, aber dass Lebensmittel knapp (und damit zumindest sehr teuer) werden könnten, darüber wurde kaum diskutiert.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen aber, dass wir uns mehr Gedanken darüber machen sollten, wie wir unsere Versorgung mit Lebensmitteln sichern können. Die immer noch tief verwurzelte Vorstellung, dass Ackerland problematisch sei (da belastet) und nur naturnahe Flächen gut seien, findet sich bis in die jüngsten Leserbriefe etwa der Schaumburger Nachrichten. Der Wald bzw. Bäume spielen in diesen Überlegungen dagegen gar keine Rolle. Wald ist Freizeit und Holzlieferant, mehr nicht. Für den Schutz unserer Natur und unserer Existenz, so scheinen die meisten zu glauben, brauchen wir kein Ackerland und der Wald ist eher ein wenig Zierde, trotz des aktuell katastrophalen Zustand des Waldes. Bäume werden ohne große Bedenken weggeräumt, wenn sie im Wege stehen. 

Von unseren Vorfahren trennt uns in diesen Punkten ein tiefer Graben. Für sie waren Ackerland und Wald überlebensnotwendig. Sie mussten mit sehr begrenzten Mitteln umhegt und umsorgt werden, damit eine vier- bis fünfmal kleinere Bevölkerung einigermaßen über die Runden kommen konnte. Sie lebten allerdings auch in einer anderen Landschaft, die nicht ansatzweise so stark bebaut war wie heute, die vielfältiger war mit starkem Baum- und Buschbewuchs, kleineren Feldern und großen Wäldern. 

Wir stehen vor riesigen Herausforderungen und es ist deshalb notwendig, unsere Landschaft anders zu denken und anders mit ihr umzugehen. Äcker sind keine Restgröße, mit der wir machen können was wir wollen, sei es sie bebauen, zu asphaltieren oder in vermeintlich naturnahe Flächen zurück zu versetzen. Bäume und Wälder sind mehr als Holzlieferanten und Freizeitorte. Beide sind überlebensnotwendig. 

Erste Informationen zu Rinaudo finden sich hier: https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/20772-rtkl-tony-rinaudo-dieser-mann-verwandelt-wueste-bluehende-landschaften

Sonntag, 20. März 2022

Gehen

Gehen auf dem Land, gehen in der Stadt

Vor über 30 Jahren gab es eine Broschüre, in der das Leben auf dem Land und mit dem in der Stadt miteinander verglichen wurde. Das betraf auch das Gehen. Auf dem Land sah man einen Fuß in einem Holzschuh, in der Stadt einen Frauenfuß in High-Heels. Nun traf dieser Vergleich schon damals nicht zu. Und heute erst recht nicht. Gehen in der Stadt bedeutet, gehen in Sneakern, nur selten in hochhackigen Schuhen. Und auch in den 1980er Jahren ging auf dem Land kaum noch jemand in Holzschuhen. Und heute? Genau genommen geht man oder frau gar nicht mehr. Mann oder Frau fährt. Wobei „Fahren“ nicht im Sinne der Bergleute gemeint ist, für die jede Art der Fortbewegung „Fahren“ ist, sondern ganz konkret. Während in der Stadt auch noch mit dem Rad gefahren wird, findet das auf dem Land nur selten statt. Fahren heißt ganz konkret Autofahren. 

Das Autofahren ersetzt nahezu das Gehen, manchmal wirkt es so, als seien selbst wenige Meter nicht mehr zumutbar. Spricht man diese Fahrer an, so kommt relativ häufig entweder das Argument, dass man auf dem Lande eben fahren müsse oder es alten Menschen nicht zumutbar sei, zu gehen. Das letzte Argument ist schon interessant, denn zumindest in der Kleinstadt, in der ich seit ein paar Jahren lebe, sind die größte Gruppe der Fußgänger die Rollator-Geher, denen übrigens ein furchtbares Kopfsteinpflaster zugemutet wird - das war mal die neueste Errungenschaft der Stadtplaner vor 30 Jahren. Die zweite Gruppe der Geher sind dann noch Schüler. Ansonsten wird Auto gefahren! Und das erste Argument überzeugt mich nicht wirklich. Klar, gibt es auf Land keinen so gut ausgebauten ÖPNV wie in der Stadt, aber das ist auch eine Folge des verbissenen verteidigten PKW-Verkehrs. Die Fahrt mit einem Bus ist nicht nur unpraktisch, sondern auch - im Vergleich zur Stadt - unverschämt teuer. Die mittlerweile Fahrdienste für Ältere sind nett, aber lösen das grundsätzliche Problem nicht. 

Die derzeit so beliebten Neubaugebiete werden das Problem noch verschärfen, denn während die Kommunen gezwungen sind, Kitas zu bauen und zu unterhalten, gibt es keinen Zwang, Geschäfte für den täglichen Bedarf im eigenen Ort vorzuhalten. Selbst wenn man ohne Probleme zu Fuß zum nächsten Supermarkt gehen könnte, wird gefahren. Es sei ja so viel zu tragen, da brauche man das Auto, wird dann gesagt. Ach, habt ihr eine Ahnung, was man alles tragen kann!

Dieser Aspekt geht aber noch weiter. Betrachtet man die Lebensverhältnisse im „alten Dorf“, also dem Dorf, wie es etwa bis in die 1950er Jahre in Resten noch bestanden hat, dann war ein zentrales Kennzeichen der vorsichtige Umgang mit Ressourcen. Das war im 20. Jahrhundert noch ein Erbe der vorindustriellen Gesellschaft, in der alles knapp war: Menschen, Energie, Boden. Spätestens seit den 1950er Jahren setzte ein struktureller Veränderungsprozess ein. Das Dorf verlor immer mehr seine zentrale Funktion als Nahrungsmittelproduzent (auch wenn es schon seit der Frühen Neuzeit auch andere Funktionen hatte). Landwirtschaft wurde zunehmend marginalisiert, das Dorf verlor seine bisherige ökonomische Funktion als Standort landwirtschaftlicher Produktion und wurde Wohnstandort. Zudem ermöglichte die zunehmende Individualmotorisierung neue Formen der Arbeit und der Versorgung mit Verbrauchsgütern. Das Dorf wurde Wohnort - die Dörfer der DDR bildeten bis zur Wende eine interessante Alternative. Mit der Zunahme gesamtgesellschaftlichen Wohlstands veränderten sich nur die Handlungsmuster und Lebensläufe von Dorfbewohnern, sondern auch der Umgang mit Ressourcen. Knappheit verschwand aus dem Horizont. Bis dahin innerörtliche Arbeits- und Kommunikationsprozesse wurden immer stärker nach außerhalb  verlagert. Und das ging nur mit dem Auto. Der steigende Wohlstand auch im Dorf führte dazu, dass die Anteile an Eigenversorgung, die bis in erste Nachkriegszeit für praktisch alle dörflichen Haushalte nicht nur typisch, sondern auch lebensnotwendig waren, verschwanden. Wir können das heute sehr schön sehen bei den Flüchtlingssiedlungen der 1950er Jahre. Die Häuser hatten immer  ein Stallgebäude (entweder angebaut oder separat) und einen großen Garten. Hier wurde ein Schwein gehalten (oder auch zwei), im Garten wurden Gemüse und Kartoffeln angebaut. Das machte allerdings viel Arbeit, besonders für die Frauen. Ich erinnere mich noch gut an meine Großmutter, die im Sommer frühmorgens aufstand, um etwa Erbsen zu pflücken, die dann von ihr ausgepuhlt wurden, später dann eingekocht. Und ganz selbstverständlich wurde von uns Kindern erwartet, dass wir bei diesen Arbeiten mithelfen. Ein besonderer Augenblick war die Ernte der ersten Kartoffeln (nachdem wir uns vorher mit den Kartoffelkäfern einen kleinen Krieg geleistet hatten). Wer irgend konnte, hatte auch noch etwas Pachtland, das ebenfalls beackert werden musste. 

Mit dem zunehmenden Wohlstand wurden diese Flächen überflüssig. Das Pachtland wurde aufgegeben, die Feldfluren mit ihren vielen kleinen Pachtflächen wurden jetzt nur von den Bauern bearbeitet. 

Gemüse und anderes konnte man billiger und besser kaufen, zunächst vielleicht noch im Dorfladen, dann aber im Supermarkt der nächsten Kleinstadt, die man ja mit dem Auto so leicht erreichen konnte. Aus den großen Gärten wurden Rasenwüsten - das samstägliche Rasenmähen ersetzte nun die mühevolle Bestellung des Gartenlandes.

Inzwischen haben sich Verhaltensweisen auf dem Lande eingeschliffen, die nur selten durchbrochen werden. Der pflegeleichte Hof möglichst gepflastert, der tote Rasen, mindestens zwei Autos pro Haushalt - all das erscheint so selbstverständlich, dass eine andere ländlich-dörfliche Lebensform kaum noch vorstellbar zu sein scheint. Ja, ich weiß, es gibt auch Ausnahmen, aber es sind eben - Ausnahmen. 

Der Flächenverbrauch im Umkreis der Großstädte nimmt weiter zu, ein Neubaugebiet neben dem anderen, genau dort, wo vor 200 Jahren garantiert niemand gebaut hätte - auf dem besten Ackerboden. Doch dieser ist im Zuge einer grünen Wende zu einem No-Go uminterpretiert worden. Gewiss, wir brauchen wieder mehr naturnahe Flächen, aber eben auch mehr Ackerland, wenn wir gesund und regional leben wollen. Was wir nicht brauchen, ist eine weitere Versiegelung des Landes, aber das geht nur mit einer radikalen Wende, wozu auch der stärkere Verzicht auf das Autofahren gehört.  

Mehr „Gehen“ kann man auch sehen als ein Anerkennen der Tatsache, dass eben nicht alles unendlich da ist, sondern Ressourcen knapp sind. Wir sollten diese Tatsachen anerkennen und nicht versuchen, sie zu verdrängen. Nur dann haben wir eine Chance.

Freitag, 28. Mai 2021

Von der Handarbeit

 Zum Dorf gehören die Landwirtschaft, die Siedlung, das Feld – und die Handarbeit! Letzteres wird oft vergessen, ist aber essentiell für die Geschichte des Dorfes und – auch wenn das hier sehr hoch gegriffen erscheinen mag, für die gesamte Menschheitsgeschichte vor der Industrialisierung – die Handarbeit. „Vom Elend der Handarbeit“ heißt ein Sammelband aus den 1980er Jahren und er handelt von der Geschichte der Unterschichten. Diese waren es, denen die Handarbeit vorbehalten war – die Oberschichten ließen sich bedienen – aber die anderen, und das war die Mehrheit, musste sich der Mühsal der Handarbeit unterziehen.

Handarbeit war – fast – alles: Die Arbeit im Haushalt, der Hausbau, die Arbeit auf dem Acker, alles musste mit den Händen der Menschen gemacht werden, zuweilen unter Zuhilfenahme tierischer Arbeitskraft. Aber selbst wenn diese zur Verfügung stand, entband das die Menschen nicht von der Arbeit ihrer Hände. Der pflügende Knecht (manchmal auch der Bauer) musste den Pflug und das Pferd führen, von allein lief es nicht vor dem Pflug. Mit dem Pferd konnte der Acker bearbeitet werden, aber der Mensch musste nebenher gehen und führen. Die Ernte war dagegen sehr stark Handarbeit – noch bis vor wenigen Jahrzehnten.
Filme des frühen 20. Jahrhunderts zeigen diese zeitaufwendige Arbeit sehr deutlich. Handarbeit prägte Dorfleben bis vor wenigen Jahrzehnten noch immer und überall. Ob es das Brotbacken war, die Gartenarbeit – damals waren Gärten noch Nutzgärten und keine Steingärten – , die Arbeit auf dem Feld, aber auch in den Handwerksbetrieben. Überall wurde mit den Händen gearbeitet.

 
Wer nun denkt, was schreibt der da? Das ist doch normal, der möge sich einmal ansehen, wo und wie wir heute noch mit unseren Händen arbeiten. Die Handarbeit, d.h. die Arbeit mit den Händen, das Zusammenspiel von Auge und Hand, das Erlernen feiner Anpassungen eigener Tätigkeit an den Gegenstand, das Üben, all das gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Forschung hat sich dieses Thema, wenn ich das richtig sehe, nur relativ begrenzt angenommen und dann als Teil der Unterschichtenforschung. (Mommsen, Hans; Schulze, Winfried (Hg.): Vom Elend der Handarbeit : Probleme historischer Unterschichtenforschung, Stuttgart 1981.)

 
Aber war das alles nur Mühsal und Elend? Ich bin da nicht so sicher. Oft muss ich an meine Großmutter denken, die im Sommer morgens früh aufstand, Erbsen pflückte und dann stundenlang die Erbsen auspuhlte. Das war ein Bestandteil ihres Lebens, der ihm Sinn gab. Vor kurzem habe ich ein Video über die Frühgeschichte von Hokkaido gesehen und dort wurde eine ältere Dame gezeigt, die seit 40 Jahren auf den Knien mit einer einfachen Methode mit einem Rückengurt webt. Eine mühselige Arbeit, die aber von dieser Frau gern gemacht wird, weil sie Teil ihres Lebens ist. (https://www.youtube.com/watch?v=AS6_eBsA4oU&t=2565s)
Oder ich muss an die Glasmacher denken, die einerseits eine harte und schwere Arbeit zu verrichten hatten, aber gleichzeitig stolz darauf waren, diese schwere und komplizierte Arbeit zu beherrschen, die sonst niemand ausüben konnte. Für sie war die Einführung der automatisierten Glasherstellung Anfang des 20. Jahrhunderts ein schwerer Schock, nahm diese doch ihrer Handarbeit ihren spezifischen, nicht austauschbaren Charakter. „Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm es will!“ Das war ein deutliches Zeichen dieses Arbeiterselbstbewußtseins, das sich mit dem Begriff der Unterschicht fassen lässt. Oder die Dampflokbesatzungen, die einerseits schwere Arbeit zu verrichten hatten, aber ohne deren Fachwissen eine Dampflok keine Höchstleistungen erbringen konnte.
Ohne das ganz spezifische Fachkönnen ging kaum etwas. Wir haben in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Wertewandel erlebt, Handarbeit gilt mittlerweile als niedrige Arbeit, Arbeit am Schreibtisch dagegen als hochwertig. Lieber ein arbeitsloser Architekt sein, als ein gut bezahlter Handwerker, so könnte man unsere heutigen Wertungen zusammenfassen. Was heute nur noch zählt, ist höhere Bildung. Folgt man einigen der üblichen Wertungen, dann zählt nur noch der gymnasiale Abschluss. Damit hat unsere Gesellschaft Wertungen der früheren Oberschichten übernommen und sich vom Selbstverständnis der „einfachen Leute“, die ihr Selbstbewußtsein und ihre Identität aus der Handarbeit, aus ihrer Schwere, aber auch ihrer Beherrschung ableitete, verabschiedet.
Was hat das für das Dorf zu bedeuten? Dorf war sicher nicht nur Gemeinschaft, auch wenn das heute viele glauben. Dörfer waren Klassengesellschaften mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Oben und Unten, mit vornehmen Gutsherren, reichen Bauern und armen Tagelöhnern und allem Möglichem dazwischen. Dorf war zudem ein Ort der Arbeit, im Haus, im Handwerksbetrieb und auf dem Feld. Der Jahresrhythmus des Dorfes war zudem vom Wechsel der harten Arbeit und dem ausgelassenen Feiern geprägt, „Saure Wochen, frohe Feste“ prägten das Leben, wobei die „frohen Feste“ auf wenige Ereignisse im Jahr begrenzt waren. (Weber-Kellermann, Ingeborg: Saure Wochen, frohe Feste: Fest und Alltag in der Sprache der Bräuche, München 1985.) Inzwischen werden Erntefeste wieder gefeiert, aber die sauren Wochen davor, die harte Arbeit auf dem Feld haben wir mal eben gestrichen. Damit ist eigentlich ein Menschheitstraum erfüllt, nicht für alle Menschen, aber für viele. Körperliche Arbeit gehört für immer mehr Menschen der Vergangenheit an. Eigentlich ein Grund zum Feiern, aber, und hier sind die Neurowissenschaft gefragt, kommt die Frage auf, welche Folgen es hat, wenn wir immer weniger mit unseren Händen machen, aber auch der Mühsal der Handarbeit ausweichen. Das alles ist nicht mein Fachgebiet und kann nicht Gegenstand dieses Blogs ein. Hier geht es vielmehr darum, auf das Verschwinden der Handarbeit aus dem Dorf zu verweisen, eine höchst ambivalente Geschichte. Die letzten 60 Jahren haben diesen Wandel ermöglicht, für die kleinen Leute auf den Dörfern bedeutete dies auch das Ende der Abhängigkeit von Bauern. In mehreren Dörfern wurde mir vor 30 Jahren von dieser Emanzipation berichtet. Nun waren es die Bauern, die allein ihre Höfe bewirtschaften mussten, weil es keine Landarbeiter mehr gab. Aber das ist fast schon wieder eine andere Geschichte.

Montag, 24. Mai 2021

Über die Dörfer

 Es gibt sie noch, die abgeschiedenen, stillen Dörfer: wenig Häuser, kaum Neubauten, alles eher alt, manches verwahrlost, anderes verlassen, wieder anderes liebevoll hergerichtet. Zwischendurch eine Rasen- oder schlimmer noch, eine Steinwüste. Aber letzteres hält sich noch(?) in Grenzen, allerdings ist unübersehbar, dass Dorfbewohner es gern ordentlich haben - zumindest in der Masse. Aber die fehlenden Neubaugebiete verhindern ein zu eintöniges Bild. Es wechseln sich also in diesen abgelegenen, kleinen Dörfer größere Hofanlagen, kleinere Höfe, Neubauten aus den 1950er Jahren bis heute ab. Die Grundstücke sind meist nicht gleichmäßig, sondern oft regelrecht ineinander verschachtelt. Die Gärten sind groß, allerdings ebenfalls auch die Parkplätze vor den Häusern. 

Man sieht noch recht viel ältere Bäume und Büsche, jedoch sind die Rasenflächen recht ausgedehnt und kurz geschnitten. Der Blick auf die meist kurzgeschorenen Rasenflächen läßt den nostalgischen Blick schärfen. Echte Gemüsegärten gibt es so gut wie gar nicht, mal ein schon aufgeworfenes Kartoffelfeld, aber das war es, keine Bohnen oder Erbsen, Erdbeeren oder Stachelbeeren. Vielleicht sind diese Gärten schön hinter den Häusern versteckt, damit niemand etwas sieht. Aber das erscheint mir unwahrscheinlich. Vielmehr zeugen die durchaus liebevoll angelegten Gärten mit Büschen, Ziersträuchen, neckischen Figuren und Steinhaufen von dem Bemühen, es „schön“ zu haben, wobei das, was „schön“ ist, sehr im Auge des Betrachters liegt, wie es so schön heißt. Für einen Nutzgarten ist da wenig Platz - und vermutlich auch Zeit, denn die scheint knapp zu sein. 

Vielleicht ist in den Dörfern die Freude darüber, sich von der Mühsal der Landarbeit emanzipiert zu haben, immer noch zu ausgeprägt, als dass man dem eigenen Nutzgarten nachtrauern würde. Es stehen auch meist genügend Autos vor der Tür, um schnell zum nächsten Supermarkt fahren zu können, der sich im nächsten oder übernächsten Ort befindet. Es fehlt aber noch mehr. In diesen kleinen, stillen Dörfern gibt es schon längst keine Läden mehr, keinen Bäcker, keinen Dorfladen, keine Schule, keine Post. Sie sind alle mit den Nutzgärten ausgezogen und offenbar vermisst sie niemand ernsthaft. Das Leben funktioniert auch ohne sie ganz gut. 

Es ist nämlich noch etwas aus diesen kleinen, stillen Dörfern verschwunden: die Armut. Den Menschen hier scheint es durchgehend sehr gut zu gehen, davon zeugen die gepflegten Häuser und Gärten, der Zierrat an und um die Häuser, die mindestens zwei, meist neueren Pkw, daneben steht dann zuweilen auch noch ein Wohnmobil. Man ist wohlhabend. Die Armut, einst ein unumgänglicher Bewohner von Dörfern ist verschwunden oder zumindest nicht mehr sichtbar. 

Sichtbar ist ein schönes Stichwort, denn sichtbar ist auch anderes nicht, etwa die Menschen. Man kann durch mehrere Dörfer gehen, bei schönstem Wetter, es ist kaum jemand zu sehen. Nicht auf den Dorfstraßen, nicht vor den Häusern, nicht in Gärten. Man geht zuweilen durch eine verlassene, stille Idylle. Und stünden da nicht überall Autos vor den Häusern, sollte man meinen, dass die Menschen ihre Dörfer zusammen mit der Post, dem Nutzgarten, dem Dorfladen, der Dorfschule verlassen haben. Wo sind etwa die alten Frauen geblieben, die wiegend mit dem Fahrrad durchs Dorf fuhren? Wo die Kinder? 

Verschwunden ist auch die Landwirtschaft. Und das ist das Seltsamste. Sicher, wenn man sich dem Dorf zu Fuß, nicht per Auto oder per Rad, nähert, dann geht man durch Felder. Große Felder, zuweilen, aber nur sehr selten, eingehegt durch Hecken, manchmal immerhin noch umgeben von einem schmalen Ackerrain, aber sonst riesige Felder. Von Menschen verlassene Felder, die nur zu bestimmten Zeiten von riesigen Maschinen bevölkert werden. Kommt man dann in die Dörfer, dann gibt es dort höchstens noch eine Hofanlage zu sehen, auf der Landwirtschaft betrieben wird. Wenn man Glück hat. Allerdings haben Pferde wieder Einzug in manche Dörfer gehalten, Pferde zum Spaß und als Hobby, nicht als notwendige Nutztiere. Aber immerhin, es riecht dann ein wenig nach Tier und Mist. 

Vielleicht habe ich nur die falschen Bilder im Kopf, Bilder von Dörfern, die über Jahrhunderte ganz aussahen, in denen das Leben nicht so leicht und einfach war wie heute, die aber nicht verlassen waren von Ente, Pferde, Kuh, Schwein, Erbsen, Bohnen, Dorfschule oder Armut. 





Donnerstag, 17. September 2020

Weiterbildung: Dörfer nach 1945

 In diesem Herbst finden wieder Weiterbildungen statt. Für die erste, die sich in Braunschweig dem Thema "Dörfer nach 1945" widmet, habe ich angefangen, eine Einführung zu schreiben, die immer noch etwas unvollständig ist, aber dennoch hier schon heruntergeladen werden kann: Die große Transformation: Dörfer nach 1945.

Dienstag, 1. September 2020

Es wird langweilig - warum ich Literatur über Dörfer und den ländlichen Raum immer weniger gern lese

Es gibt ein neues Buch, geschrieben von einem sicher klugen Mann, einem Geografen, das wieder einmal vom Landleben handelt. Betrachtet man die Literatur zum Thema, so fallen zwei Arten auf: Da sind einerseits die rein wissenschaftlichen Arbeiten wie die von Trossbach und Zimmermann oder die in Halle erscheinende Reihe, herausgegeben von Nell und Weiland. Erstere geben einen eher emotionslosen, wissenschaftlichen Überblick, letztere decken ein breites Spektrum an Themen ab, wobei - bedingt durch die Herkunft der Herausgeber - eher literaturwissenschaftliche Aspekte und dann vorrangig aus einer mittel- und osteuropäischen Perspektive betrachtet werden, was dem Thema ohne Zweifel gut bekommt.

Und dann sind da, und darauf bezog sich meine Überschrift die Bücher, die einen Überblick geben wollen, aber sich als eine Verteidigung des Landlebens oder gar des Dorfes sehen. Gerhard Henkel hat mehrere solcher Bücher geschrieben. Und ich möchte nicht mißverstanden werden: Das sind durchaus kluge Bücher mit vielen wichtigen Informationen über den ländlichen Raum. Das gilt auch für das neue Buch von Bätzing. Aber, nun kommt mein großes Aber: Mir fehlt in diesen Büchern der Widerspruch, das diskursive, sie sind linear geschrieben und folgen einem einzigen Narrativ, nämlich dem, dass das Landleben unverzichtbar für eine Gesellschaft ist (was ich auch glaube, aber was vielleicht doch zu diskutieren wäre) und es vor allem dort sehr lebenswert sei. Die alte, von Bergmann schon beschriebene Agrarromantik scheint hier immer wieder durch. 

Und hier setzen meine Zweifel an. Warum etwa, so ließe sich für die Vergangenheit fragen, war es denn so schön auf dem Dorf, wenn doch die Menschen, sowie sich die Gelegenheit ergab, die Flucht ergriffen? Nun gut, nicht alle, aber doch sehr, sehr viele. Das ist doch unlogisch, es sei, man unterstellt den Landbewohnern unlogisches Verhalten. Aber wäre das nicht wieder ein arroganter städtischer Blick auf das Dorf und seine Menschen? Also, weshalb verlassen im 19. und 20. Jahrhundert so viele Menschen ihre Dörfer, wenn es dort doch ein so schönes Leben war? Vielleicht, weil diese Bilder die andere Seite des Dorflebens ausblenden? Die Härte und Abgeschiedenheit des Alltags? Und weil sie die Machtfrage ausblenden? Im 19. Jahrhundert, in der Industrialisierung setzen die Klagen über die Landflucht ein, vorgetragen von den großen Betrieben, den Großbauern und den Gutsbesitzern. Die brauchten nämlich die einfachen Leute, damit sie die Arbeit machen konnten. Eine Arbeit, die schlecht bezahlt war, keine Aufstiegsmöglichkeiten bot und kaum Chancen, sich gegen Übergriffe der Arbeitgeber zur Wehr zu setzen. Diese Bedingungen betrafen erschreckend viele Dorfbewohner, nämlich die zahlreichen Kleinststellenbesitzer und Mieter auf den Dörfern, die in den gängigen geschönten Bildern vom Dorf gern ausgeblendet werden. Für viele von diesen war es attraktiver, in die Stadt oder in die Industrie zu gehen, obwohl es dort erst einmal nicht so viel besser war, aber es gab eben die Chance des Aufstiegs. 

Wer über die Mühen des Alltags der kleinen Leute auf dem Lande mehr erfahren will, sollte sich Franz Rehbeins Berichte aus dem Leben eines Knechts und Tagelöhners ansehen (viele der von ihm Ende des 19. Jahrhunderts beschriebenen Verhältnisse decken sich erschreckend gut mit den Berichten meiner Mutter, die Ende der 1940er Jahre Magd auf einem Bauernhof war ...). Das war auch kein Einbahnstraße, Rehberg entscheidet sich, als er die Wahl hat, weiter für das Landleben und gegen die Stadt. Aber für die meisten fiel die Wahl anders aus. 

Ehe ich mich in diesem Thema verliere, ein Szenewechsel. Heute wird ja wieder über die Benachteiligung des Landes geklagt, die Geschäfte verschwinden, die Stadt kontrolliert das Land, so ließe sich sehr knapp der Befund zusammenfassen. Gleichzeitig gibt es eine massive Ästethisierung des Landlebens. In den Medien tauchen die schönen alten Bauernhöfe auf, aber die teils schrecklichen und teils zusätzlich monotonen Neubaugebiete, die sich in die Landschaft fressen, werden dabei übersehen. Das fängt bei mir hier vor dem Haus an: Noch nicht alle, aber immer mehr, schütten ihr Vorgärten mit Steinen zu, bauen große gepflasterte Stellplätze für ihre Autos. Es ist schon absurd: Während in der Stadt die autofreie Innenstadt (wo seltsamerweise kaum jemand wohnt, aber das ist eine andere Geschichte) gefordert wird, kümmert sich hier auf dem Lande niemand um weniger Autoverkehr, ganz im Gegenteil. Während die Krise des Landlebens ausgerufen wird, die in der Benachteiligung zulasten der Städte bestehe, sieht niemand die wirkliche Krise des Landlebens: Die Zerstörung des Landes durch die Dörfer und ihre Bewohner. Es ist ja nicht nur die Art und Weise, was die „neuen“ Dorfbewohner mit ihren Grundstücken veranstalten, sondern diese neuen Grundstücke selbst sind das Problem. Und das zweite Problem sind die Verantwortlichen in den Gemeinden, die eben kein Problem darin sehen, dass ihre Neubaugebiete das zerstören, was zum alten Dorf untrennbar dazu gehörte: Eine Feldmark, die elementar für die Ernährung und das Leben der Menschen war. 

Was das bedeutet, mögen ein paar Zahlen verdeutlichen: 1800 lebten auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik weniger als 20 Millionen Menschen, weniger als ein Viertel der heutigen Bevölkerung. Davon lebte die weitaus größte Zahl auf dem Land oder in Kleinstädten (deren Bürger ebenfalls immer etwas Landwirtschaft betrieben), Fleisch wurde nur in sehr geringen Mengen verzehrt, Vieh wurde vor allem gehalten, um Dünger für den Acker zu gewinnen. Ca. 80-90 % der Menschen verbrachten mehr oder weniger große Teile ihrer Zeit auf dem Feld oder mit Arbeiten, die der Gewinnung oder Zubereitung von Nahrung gewidmet waren. Und dennoch waren die Ernährungsverhältnisse aus heutiger Sicht katastrophal, drohte fast immer ein Hungerjahr, war ein voller Magen etwas Besonderes. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn der erwähnte Franz Rehbein seine Arbeitgeber vor allem danach bewertete, ob sie reichlich und gut zu essen gaben. Das sind ferne Zeiten, die hoffentlich nicht wiederkehren, aber wer weiß das schon?

Also bitte etwas mehr Ehrlichkeit. Und mehr Differenzierung, denn das Landleben ist nicht nur von dem Aussterben der Dörfer bedroht, wie in manchen Regionen Deutschlands, sondern auch davon, dass hier zu viele mit einem zu hohen Landverbrauch leben. 


Die Bücher:

Bätzing, Werner, Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. München 2020.

Henkel, Gerhard, Der ländliche Raum: Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland. Berlin 2004 (und neuer).

Ders.: Rettet das Doref! Was jetzt zu tun ist. München 2. Aufl. 2018

Nell, Werner; Weiland, Marc, Hrg.: Imaginäre Dörfer: Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt. Bielefeld 2014.

Trossbach, Werner; Zimmermann, Clemens, Die Geschichte des Dorfes. Von den Anfängen im Frankenreich zur bundesdeutschen Gegenwart. Stuttgart 2006.


Franz Rehbein, Aus dem Leben eines Landarbeiters und Tagelöhners gibt es u.a. hier: [http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Rehbein,+Franz/Das+Leben+eines+Landarbeiters]


Samstag, 22. August 2020

Vom Wert des Ackerlandes

 Die aktuellen Debatten zwischen Nabu und Landwirtschaft sind hochinteressant, verweisen sie doch auf ein zentrales Problem unserer aktuellen Debatten, sie gehen an einem zentralen Aspekt vorbei: dem exzessiven Verbrauch von Ackerflächen für Siedlungen und Verkehr! Derzeit sind es etwa 56 ha täglich (!), die in diesem Land für Siedlung und Verkehr verloren gehen; zwischen 1992 und 2017 waren das insgesamt 1,29 Millionen ha!

Das Umweltbundesamt schreibt dazu: 

„Insgesamt sind die Inanspruchnahme immer neuer Flächen und die Zerstörung von Böden auf die Dauer nicht vertretbar und sollten beendet werden. Angesichts global begrenzter Landwirtschaftsflächen und fruchtbarer Böden sowie der wachsenden Weltbevölkerung ist der anhaltende Flächenverbrauch mit all seinen negativen Folgen unverantwortlich. Dies gilt auch und besonders mit Rücksicht auf künftige Generationen.“ (https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/siedlungs-verkehrsflaeche#anhaltender-flachenverbrauch-fur-siedlungs-und-verkehrszwecke-)

Diese Zerstörung von Natur in großem Stil findet auch in Schaumburg statt. In Nienstädt soll eine Umgehungsstraße gebaut werden, in Bad Nenndorf ein großes Werk für VW, fast jede Gemeinde ist „stolz“ auf ihre Neubaugebiete, immer mehr Eigenheimbesitzer pflastern ihre Grundstücke zu oder legen „Gärten des Grauens“ an. Nahezu grotesk mutet es dann an, wenn - wie gerade in Bad Nenndorf - davon die Rede ist, „Ausgleichsflächen“ zu schaffen: Woher sollen die denn kommen? Allerdings gibt es nicht nur das Negieren dieses enormen Flächenverbrauchs, sondern Ackerland wird als weniger „wertvoll“ angesehen als naturnahe Flächen. Wenn wir also genug „naturnahe“ Flächen ausweisen, so die Annahme, sei das Problem gelöst. Diese Flächen sind dann logischerweise Ackerland ...

Was bei der Zerstörung von Ackerland gern vergessen wird: Wenn wir ökologisch angebaute Nahrungsmittel haben wollen, dann brauchen wir das gute Ackerland! Aber genau diese Flächen werden zugunsten von Neubaugebieten, Straßen und Gewerbegebieten zerstört und zwar unwiederbringlich. Während die vermeintlich „wertvollen“ Flächen noch einen gewissen Schutz erfahren, gilt das für Ackerland nicht. 

Für die Menschen vor 200 Jahren, die immer mit katastrophalen Hungersnöten rechnen mussten, war es klar, dass Ackerland schützenswert war, weil es die Ernährung der Menschen (zusammen mit der Nutzung von Gemeinheiten und Weiden) sicherte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, auf den besten Böden der jeweiligen Gemarkung Häuser zu bauen. Heute finden wir ein solches Verhalten normal. Das kann man gut in einigen Gemeinden Schaumburgs sehen. In Altenhagen (Hagenburg) beispielsweise sind große Teile des ursprünglichen Ackerlandes mittlerweile ein riesiges Gebiet mit Einfamilienhäusern geworden.  

Das Ziel muss dagegen sein, den Flächenverbrauch massiv weiter zu senken, anstatt ihn zu erhöhen und dabei nicht nur auf naturnahe Flächen zu sehen. Das setzt neue Ideen und vor allem neue Verhaltensweisen voraus, an denen es aber offenkundig auch in Schaumburg mangelt. So würde eine Wiederinbetriebnahme der Eisenbahn zwischen Rinteln und Stadthagen keine Flächen verbrauchen, eine Umgehungsstraße aber sehr wohl. Erstaunlich ist an den Nienstädter Verhältnissen, dass im Unterschied zum Auetal offenbar der Widerstand nicht breiter ausfällt gegen eine großflächige Zerstörung von Landschaft und Ackerland.

Ohne ein strukturelles Umdenken in Sachen Flächenverbrauch und eine Neubewertung von Ackerland werden die jetzt geführten Auseinandersetzungen wenig an den entscheidenden Problemen ändern. 

Montag, 3. Juni 2019

Das Grau(en) der Dörfer

Es ist eine interessante Erfahrung, zu Fuß durch die Dörfer zu gehen; denn dann bieten sich interessante Einblicke in dörfliches Leben. „Interessant“? Ich könnte auch schreiben: Erschreckend, aufregend, ernüchternd. Und ja, auch manchmal hoffnungsvoll. Weshalb diese skeptische Einführung und aus welcher Perspektive geschrieben? Unsere Welt steht vor großen Herausforderungen, unsere Umwelt ist gefährdet und damit unsere Zukunft. Okay, das können andere besser formulieren, aber seltsamerweise sieht niemand auf ein paar Details, die sich aufdrängen, wenn man nicht nur über die Dörfer geht, sondern auch noch zum Vergleich Landkarten ansieht. Das Dresdner [Kartenforum] bietet hierfür eine faszinierende Grundlage. Der Vergleich der Siedlungsverhältnisse zwischen etwa 1900 (im Norden meist die Preußische Landesaufnahme aus der Zeit um 1900) mit den heutigen Siedlungsverhältnissen zeigt erschreckende Ergebnisse, die besonderes bei Städten auffallen. Kleinstädte umfassten um 1900 häufig noch den frühneuzeitlichen Umfang, größere Städte waren zwar in dieser Zeit über die frühneuzeitlichen Grenzen hinausgewachsen, aber sie waren meist noch umgeben von einer stadtnahen Landschaft aus Feldern und Dörfern. Selbst Berlin war damals nur teilweise über den S-Bahn Ring hinausgewachsen.
In den 100 Jahren danach sind fast alle Siedlungen in einem dramatischen Umfang gewachsen, aber nicht nur die größeren Städte, die die einst umliegenden Dörfer längst eingemeindet und zu dicht bebauten Stadtteilen gemacht haben, sondern auch die kleinen Städte und die Dörfer sind weit über ihre früheren Grenzen hinaus gewachsen. Nie dürfte die Siedlungslandschaft in so kurzer Zeit so gravierend verändert worden sein.
Was das bedeutet, kann man bei den bewußten Spaziergängen gut beobachten. Neben den alten Dorfstrukturen gibt es mindestens zwei neue „Ringe“, die die Dörfer verändert haben: Da sind zum einen die Siedlungen, die in den späten 1950er und den 1960er Jahren meist für die Flüchtlinge gebaut wurden und die sich meist durch eine eher eintönige Gestaltung auszeichnen, auch wenn jeder Hausbesitzer versucht hat, Individualität umzusetzen. Dann kommen die Neubausiedlungen seit den 1970er Jahren, die gerade in den letzten Jahren durch weitere Siedlungen ersetzt worden sind. Sie könnten auch in Kleinstädten oder selbst am Rande von Großstädten stehen. Es sind eben Eigenheime, möglichst „individuell“ gestaltet, von Dörflichkeit ist bei ihnen meist nichts zu sehen. Diese neuen Siedlungsteile machen in den meisten Dörfern aber den Großteil der bebauten Flächen aus. Mit den schönen Bildern von Dorf hat das jedenfalls nichts zu tun.
Was ich aber jenseits der manchmal sehr, sagen wir mal „experimentellen“ architektonischen Gestaltung problematisch finde, ist etwas anderes. Würde man die neuen „Dorfbewohner“ fragen, weshalb sie nicht in der Stadt wohnen, dann dürfte die Natur keine unwichtige Rolle spielen. Aber bitte: Weshalb vernichtet ihr in ihren Vorgärten und Nachgärten möglichst alles Natürliche? Der kurzgeschorene Rasen und das Immergrün wirken ja schon fast natürlich angesichts des neuesten Trends, möglichst jede Fläche auch jenseits der meist großzügig bemessenen Pflasterungen für das liebe Auto nun mit Folie zu unterlegen und dann graue Steine darauf zu packen. Dasselbe Spiel wiederholt sich bei Mauern. Alles muss offenbar schön steril sein auf dem Land im Reiche der Neubürger. Was bitte geht hier vor?
Was das Ganze noch problematischer macht: Die Neubausiedlungen werden meist auf Ackerland angelegt - alle wollen natürlich produzierte Nahrungsmittel essen, aber niemand fragt sich, woher die kommen sollen, wenn immer mehr Felder zu sterilen Neubaugebieten werden. Wenn dann wenigstens möglichst viel naturnahe Flächen auf den Grundstücken entstehen würden, aber hier scheint das Graue(n) gerade derzeit auf dem Vormarsch zu sein.   

Donnerstag, 8. Juni 2017

Wanderungen

Über Pfingsten war ich wieder in meiner alten Heimat. An drei Tagen bin ich fast 50 km durch fünf Dörfer, einen Flecken, eine kleine Kleinstadt und viel Landschaft gelaufen. Es war eine interessante Erfahrung. 
Da war die eine, dass ich nur wenige Menschen getroffen habe, die aber durchaus freundlich grüßten. Eine Frau kam gerade aus einem Haus heraus, sah mich den Berg hinauf gehen und wartete extra auf mich, um mit mir ein kleines Schwätzchen anzufangen. Es war in einem Nachbardorf meines Geburtsortes, dort, wo unsere Kirche war (und immer noch ist). Sie kannte meine Eltern gut und so hatten wir einiges zu besprechen. Gewohnt habe ich auch in einem Nachbardorf bei einer ehemaligen Mitschülerin, die allerdings auch nicht aus meinem Dorf stammt, sondern aus einem weiteren Nachbardorf. Vielleicht ist das symptomatisch: Im Gegensatz zu mancher Dorfforschung sind die Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen nicht auf ein Dorf bezogen, sondern bestehen in einer Gruppe nahe beieinander liegender Dörfer, in denen allein durch Schule, Kirche und Arbeit Netzwerke entstanden sind. 
Ich war an diesen Tagen der einzige Fußgänger und habe es genossen. Allerdings wirken die meisten der Orte, in denen ich war, verlassen. Das gilt auch für die Kleinstadt, die keine bemerkenswerten touristischen Angebote hat und selbst am Samstag sehr ruhig wirkte, die meisten Stadtbewohner kauften gerade in dem Supermarkt am Rande des Ortes ein, wobei selbst dieser Supermarkt eher bescheiden wirkte. 
In dem erwähnten Flecken sah es am Pfingstsonntag schon anders aus, die Nähe des Steinhuder Meeres läßt diesen Ort teilweise von den Touristenströmen profitieren und verschaffte mir einen landestypischen (vor allem als Wahlhannoveraner) Imbiss. 
Am Steinhuder Meer musste ich mir strecken- und zeitweise meinen Weg mit den fahrradfahrenden Touristen teilen, nicht schön, besonders wenn ich daran denke, wie leer es noch vor 45 Jahren hier war! Das Bruch am Südufer des Steinhuder Meeres mit dem Blick auf das kleine Hochmoor, in dem einst eine „befestigte Landschaft“ sich befand, eingrahmt von den Rehburger Bergen im Westen und dem Wiedenbrügger Berg im Süden, ist für mich immer noch ein besonderer Ort. Früher gehörte das Singen der Lerchen zu diesem Flecken Erde genauso dazu, wie das metallische Klappern des Baggers der Ziegelei Himmelreich und das Dröhnen der Noratlas und später Transall vom Flughafen Wunstorf. Von all dem ist, bis auf wenige Lerchen, nichts mehr zu hören. Stattdessen preschen jetzt radfahrende Großstädter über die Feldwege ohne allzu viel Zeit auf die Landschaft zu verschwenden. Faszinierend aber auch, wie sie alle auf dem ausgezeichneten Weg bleiben, keiner kommt auf die Idee, vom Weg abzuweichen, schön für mich, aber doch auch traurig. Sie reißen ihre 35 km um das Steinhuder Meer ab, auf Entdeckungsreise geht aber niemand. 
Unsere Dörfer wirken leer, wenn auch nicht verlassen, hier grüßt man auch den Fremden (bis auf eine Ausnahme, dazu gleich mehr), fängt sogar, siehe oben, ein Schwätzchen an. Die meisten Häuser sind wohlgepflegt, in dem Dorf, in dem ich diese Tage übernachtet habe, gibt man sich besondere Mühe. Hier gibt es sogar einen funktionierenden Hofladen - die dort gekauften Äpfel sind übrigens von besonderer Güte! Dorfgaststätten dagegen sind verschwunden, auch sonst gibt es nichts für den Wanderer. Während wir in der Großstadt (sofern man Hannover für eine solche hält) gerade Jagd auf den Autoverkehr machen, gehört das Autofahren hier zum guten Ton - ohne Auto geht gar nichts. Selbst Fahrradfahrer sind nur selten zu sehen, und dass, obwohl auch etwas abseits des Steinhuder Meeres mehr und mehr Ferienwohnungen zu finden sind. Was läuft da schief? Oder läuft da gar nichts schief, ist es nur der irritierte Blick von jemanden, der mit den falschen Vorstellungen ins Dorf kommt? Aber es gibt ja auch von den Dorfbewohnern Klagen über die schlechte Infrastruktur und den Zustand des Dorfes. Besonders meines Geburtsortes, des Ortes, in dem ich die ersten 21 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wo einst unser Dorfladen samt Kneipe und Saal standen, der Mittelpunkt unseres Dorfs, kann man jetzt noch die Fundamentreste des Saales bewundern und das Dickicht, das sich über den Resten der früheren Anlage erstreckt. Die alte Schule gibt es noch, aber wo vorher ein schöner Garten vor der Lehrerwohnung war, ist jetzt ein Parkplatz!! Die alte Bahnhofsgaststätte steht noch, erinnert aber eher an ein Provisorium, daneben Bauzäune und unsere langsam verfallende ehemalige Molkerei. Mitten auf freien Flächen im Dorf stehen, ich kann es nicht anders beschreiben, seltsame, überdimensionierte Bungalows. Alles macht einen lieblosen, nachlässigen Eindruck. Hier hat sich ein Dorf aufgegeben, so kommt es mir jedenfalls vor, aber vielleicht ist auch alles anders. Da fällt es kaum noch auf, dass am Ortseingang nicht der Name dieses Dorfes, sondern der Gemeinde steht, zu der dies Dorf gehört. Vielleicht passt es dazu, dass ich gerade hier nicht gegrüßt wurde (allerdings war ich bei alten Freunden zum Kaffee gern gesehen). 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Experimentierfeld Dorf

Eigentlich wollte ich hier einen kurzen Bericht über einen Workshop (der den Titel dieses Beitrags hatte!) schreiben, an dem ich letzte Woche in Halle teilgenommen habe, aber ich muss etwas ausholen, um meine Bewertung dieses Workshops verständlicher werden zu lassen.
Ich springe in die 1980er Jahre zurück, damals wurden das Dorf und die Auseinandersetzung damit interessant. Einerseits schuf die Dorferneuerung neue Tätigkeitsfelder für Architekten, Kulturwissenschaftler und ab und an auch Historiker, andererseits zogen immer mehr Städter aufs Land und entdeckten dieses. In Hannover taten sich damals einige Kollegen zusammen und führten nicht nur eine gemeinsame Vorlesung durch, sondern schrieben auch ein kleines Büchlein, „Annäherungen an das Dorf“ nannte es sich und verdeutlichte schon die komplexe Herausforderung, sich dem Phänomen „Dorf“ zu stellen. Daraus ergab sich ein kleines Forschungsprojekt, in dessen Verlauf ein „Profil“ durch Niedersachsen gelegt und Dörfer auf einer Linie zwischen Ostfriesland und dem Harz zunächst auf einer statistischen Basis untersucht wurden. Der Historiker der Gruppe, zu der ein Architekt und Dorfplaner, zwei Soziologen und ein Agrarwissenschaftler gehörten, gab mir damals den Platz frei, so dass ich an diesem Projekt beteiligt war. Es war übrigens finanziell knapp ausgestattet, für mehr als kleine Honorare, Fahrt- und Übernachtungskosten reichte das Geld nicht. Es war eine spannende Zeit, wir debattierten sehr viel und lange über das Phänomen Dorf, die Positionen zwischen Soziologen und Historikern auf der einen und den Planern auf der anderen Seiten lagen zuweilen weit auseinander. Soziologen und Historiker kritisierten vor allem den unkritischen Umgang mit dem Thema Dorf. Planer hatten damals einen stark verklärenden, visuellen Eindruck vom Dorf. „Dachlandschaften“ und Ortsmittelpunkte (wo intensives soziales Dorfleben generiert werden sollte), standen höher als eine Auseinandersetzung mit den vorhandenen sozialen, politischen und kulturellen Verhältnissen. Der „Wortführer“ dieser ästhetischen Annäherung an das Dorf war übrigens Wilhelm Landzettel, dem wir prächtige Bildbände zu verdanken haben, dessen Analysen aber für Gesellschaftswissenschaftler irritierend wirkten. Zurück zum Projekt:
Nachdem wir die statistische Aufarbeitung der Dörfer beendet hatten, gingen wir an die Untersuchung einer Gemeinde, allerdings einer Samtgemeinde, die erst durch die Gebiets- und Verwaltungsreform zusammen gewürfelt war. Wir suchten uns für die weitere Arbeit einzelne Dörfer dieser Samtgemeinde heraus. Die Soziologen beklagten, dass sie nicht genug Zeit für eine sorgfältige Lokalstudie hatten. Als „Ausweg“ führten sie Interviews mit Zugezogenen und kamen zu interessanten Ergebnissen, etwa dem, dass das „Dorf“ als Bezugspunkt für soziales Leben häufig überschätzt wird! Wir Historiker (damals war noch eine weitere Kollegin dabei) gingen in ein anderes Dorf, in dem die Dorferneuerung ein wichtiges Thema war und beschäftigten uns im Rahmen eines Volkshochschulkurses mit der Dorfgeschichte. Am ersten Abend waren ca. 30 Personen anwesend, und als wir sie fragten, weshalb sie gekommen seien, erhielten wir zur Antwort, dass Herr B., der Vorsitzende des örtlichen Heimatvereins, ihnen gesagt hätte, sie sollten kommen. Herr B. war Zugezogener, lebte in einem älteren Haus in der Mitte zwischen altem Dorf (und zwar dem Teil, wo die Meierhöfe standen) und einer kleinen Neubausiedlung. Sein Wort galt jedenfalls etwas.
Nebenbei nutzten wir den Kurs, um Kontakte für offene Interviews mit einigen der Teilnehmer zu erhalten. Die meisten Interviewpartner waren Frauen und sie eröffneten bemerkenswerte Blicke auf das Phänomen Dorf aus weiblicher Sicht. Mehr dazu in diesem Blog!
Die Ergebnisse dieser Studien wurden auch veröffentlicht, aber leider so unscheinbar und abgelegen, dass sie kaum Leser gefunden haben dürften. Schade.
Wir führten damals auch mit anderen Kollegen Debatten um das Thema Dorf und immer wieder mussten wir uns mit sehr schlichten, einfachen, idyllischen Bildern auseinandersetzen. Mein Beitrag zur Dorfgeschichte in Niedersachsen lautete übrigens „Das imaginäre Dorf“. Er richtete sich u.a. gegen die vereinfachten Vorstellungen vom Dorf, wobei hier simple historische Arbeit betrieben wurde. Als ich diesen kleinen Beitrag vor einem Jahr in die LernWerkstatt Geschichte eingestellt habe, stieß ich bei einer Recherche auf einen fast gleichnamigen Band über „Imaginäre Dorf“ von Werner Nell und Marc Weiland. Und dadurch kam der Kontakt zustande, der zu der Teilnahme an dem Workshop über das „Experimentierfeld Dorf“ letzte Woche in Halle führte. 
Nun gibt es derzeit wieder eine neue „Lust“ am Landleben und am Dorf. Was hat das für Folgen für Wissenschaftler, die nicht den - wie ich ein wenig dachte - kritischen Blick auf das Dorf haben, sondern eher gefangen sind in den einfachen Bildern des Dorfes? Nun, um es kurz zu machen, meine Bedenken wurden nicht nur zerstreut, sondern ich wurde vom Gegenteil überzeugt. Die in Halle geführten Beiträge und Debatten bewegten sich auf einem überzeugenden methodischem und theoretischen Niveau. Im Vergleich dazu war das, was wir Ende der 1980er Jahre gemacht haben, fast stümperhaft. Gleich, ob Dörfer aus der DDR, Polen oder Weißrussland behandelt wurden, ob es um die Auseinandersetzung mit literarischen oder architektonischen Perspektiven ging, es wurden komplexe Zusammenhänge heraus gearbeitet. Die Vielfalt der Perspektiven und Deutungen (etwa die Frage, ob das Uneigentliche des Dorfes nicht das Eigentliche sei …) war immer wieder faszinierend. Für den Westdeutschen wie mich war nicht so sehr die Erweiterung auf die DDR (ach, die Kinder von Golzow im Oderbruch …), sondern die nach Polen und Weißrussland spannender, etwa der Bezug zwischen dörflicher Sprache und der der „Hochkultur“. Manches knüpfte gleichsam an das an, was wir 25 Jahren zuvor allerdings mit viel einfacheren Mitteln unternommen hatten, wie die gezielte Befragung von Zugezogenen oder von Frauen. Dazu kam bei den Vortragenden keine Idyllisierung des Dorfes (wobei immer wieder betont wurde, dass es „das“ Dorf ja gar nicht gebe), sondern eine durchaus differenzierte Bewertung der jeweiligen Verhältnisse. Auch wenn es dezidiert, zumindest nach meinen Eindrücken, nie formuliert wurde, so war die Frage nach dem gesamtgesellschaftlichen Stellenwert des Dorfes, des ländlichen Raumes oder dessen, was dafür gehalten wird, ein durchgängiges Thema. Die Frage nach dem „guten Leben“ ist eben nicht nur eine Frage, die „das“ Dorf betrifft, sondern die von gesellschaftlicher Relevanz ist, weil sie sehr individuell beantwortet wird. An mehreren Stellen trat auch das alte Thema des zu kolonisierenden Dorfes auf, der Dorfbewohner, die für sich allein nicht entscheiden können, was „richtig“ für sie ist, die sich externen gesellschaftlichen Normen nicht stellen wollen, seien es die Dorfbewohner, die während der Kollektivierung in SBZ und DDR sich vor ihre „Feudalherrin“ stellen und von der SED-Elite zum „besseren“ Leben gezwungen werden müssen, seien es die alten Bewohner von Dörfern, denen die Zugezogenen erst meinen zu vermitteln müssen, was „richtiges“ Dorfleben ist.
Die Bilanz dieser Tagung ist ausschließlich positiv, sie war anregend und wegweisend. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickelt.

Der Sammelband hieß:
Hauptmeyer, Carl-Hans, u.a.: Annäherungen an das Dorf : Geschichte, Veränderung und Zukunft, Hannover 1983.
Das kleine Büchlein zu unserem Projekt:
Das Profil: Untersuchung der Probleme und Entwicklungspotentiale ländlicher Gemeinden in Niedersachsen (Arbeitsmaterial/Akademie für Raumforschung und Landesplanung 169). Hannover 1990. Autoren des Bandes waren u.a. Heinar Henckel, Hans-Werner Wöbse, Carsten Reinecke.
Mein kurzer Text, den ich heute nicht mehr so schreiben würde, findet sich hier: http://www.lwg.uni-hannover.de/w/images/3/3c/Schneider_imaginäre_Dorf_2014.pdf 
Über das Projekt in Halle gibt es hier alle wichtigen Informationen samt dem erwähnten Buchtitel:

http://www.dorfatlas.uni-halle.de

Samstag, 13. Juni 2015

Westrup Anfang der 1950er Jahre

    Die Lebensverhältnisse des kleinbäuerlichen Dorfes Westrup (1953)

Im Landkreis Lübbecke, an den Südhängen des Stemweder Berges (dem angeblich nördlichsten Mittelgebirgszug Deutschlands) liegt das Dorf Westrup. Anfang der 1950er Jahre war Westrup eines von 13 Dörfern, in denen das Bundesministerium für Ernährung Studien über die Arbeits- und Lebensbedingungen der kleinbäuerlichen Bevölkerung durchführen ließ. Die Westruper Untersuchung wurde 1952 bis 1953 durch den Diplom-Landwirt Paul Autschbach von der Universität Münster durchgeführt und 1953 in der Gesamtstudie „Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952“ in der Zeitschrift für Agrarpolitik und Landwirtschaft veröffentlicht. Im Untersuchungszeitraum hatte Westrup 746 Einwohner, der zugrundeliegende Zensus vom 10. Oktober 1951 zählt ein Viertel davon als Vertriebene und Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, sowie Evakuierte, vornehmlich aus dem Ruhrgebiet.
Ziel der Studie war es, den Zustand der westdeutschen Landwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Währungsreform von 1948 zu untersuchen. Insbesondere sollten soziale und ökonomische Problemstellungen und etwaige Lösungsansätze für die Forschung sichtbar gemacht werden. Dabei ging es besonders um Strukturwandel aufgrund zunehmender Mechanisierung sowie des Fortfalls der mittel- und ostdeutschen Agrargebiete jenseits der sowjetischen Zonengrenze oder der Oder-Neiße-Grenze.
Die Studie lässt sich in drei Abschnitte teilen: Einen ersten, die historischen, geographischen und ökonomischen Strukturen des Ortes behandelnden Abschnitt, betriebswirtschaftliche Untersuchungen einzelner landwirtschaftlicher Betriebe zum Zweiten, sowie drittens Bemerkungen zu den Familienstrukturen und den Lebensbedingungen der Dorfbevölkerung. An dieser Stelle soll, aus Gründen der Übersichtlichkeit, lediglich auf die globalen Untersuchungen zu den dörflichen Strukturen und den Lebensbedingungen der Familien eingegangen werden. Der Aufbau des Textes folgt dabei in etwa dem Aufbau der Studie.

Ein Gesamtbild der dörflichen Strukturen

Wie bereits eingangs erwähnt, liegt Westrup im Landkreis Lübbecke, an den südlichen Ausläufern des Wiehengebirges. Es befindet sich an den nördlichen Grenzen, sowohl des Landkreises, als auch des Landes Nordrhein-Westfalen; nördlich des Stemweder Berges beginnt der niedersächsische Kreis Diepholz. Die Randlage des Dorfes wird auch in seiner Anbindung an das Infrastrukturnetz sichtbar. Zwar sind die Straßen 1952 bereits fast überall asphaltiert worden, die größeren Orte waren jedoch nur selten direkt zu erreichen. Die nächste Bahnstation in Lemförde lag in zehn Kilometern Entfernung, es verkehrten täglich 18 Züge in Richtung Diepholz, Bremen, Hamburg und Osnabrück. Lemförde war viermal täglich per Bus zu erreichen. Eine Kraftpost-Verbindung bestand zweimal am Tag auch in Richtung der Kreisstadt Lübbecke.
Die Bausubstanz war zum Untersuchungszeitraum bereits durch zahlreiche Neubauten gekennzeichnet. Das Hallenhaus als Wohn- und Stallanlage war bereits massiven Ziegelbauten und separaten Stallanlagen gewichen. Insgesamt war der bauliche Zustand der Häuser und Betriebsgebäude gut.
Westrups Geschichte ist von der geographischen Randlage des Dorfes geprägt. Im beginnenden Hochmittelalter befand sich der Ort unter der Hoheit des Bistums Minden. Im 14. Jahrhundert weiteten die Grafen aus dem nahen Diepholz ihren Einflussbereich auf Westrup aus, der entstehende Streit fand sein Ende erst mit dem Verlöschen des Diepholzer Geschlechts 1585. Der in der Folge festgelegte Grenzverlauf zwischen Minden und Diepholz bildet die noch heute bestehende Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Zusätzlich zur Landwirtschaft bildete die Leinenweberei im Nebenerwerb eine wichtige Einkommensquelle für die Bewohner von Westrup und der Umgegend. Mit der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die Heimarbeit jedoch von billiger Industrieware, etwa aus Großbritannien verdrängt. Missernten in den 1840er Jahren verstärkten die wirtschaftliche Krise zusätzlich. In der Folge kam es in Westrup zu einer starken Emigration. Während 1843 noch 674 Einwohner im Dorf leben, sank die Bevölkerung bis 1861 auf 573, bis 1890 sogar auf nurmehr 458 Personen ab. Erst die Jahrhundertwende brachte eine wirtschaftliche Entspannung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Bevölkerung stark an, Grund hierfür war der Zuzug von Vertriebenen und Evakuierten, die nach dem Zensus 1951 ein Viertel der Dorfbewohner stellten.
Ökonomisch war Westrup im Untersuchungszeitraum 1952/53 noch immer landwirtschaftlich geprägt. Zwar arbeiteten 46% der Dorfbewohner nicht primär in landwirtschaftlichen Berufen, was jedoch daraus resultiert, dass Nebenerwerbslandwirte statistisch nicht als Landwirte gezählt wurden. Mit einem Anteil von 25,2% an den Agrarbetrieben bildete die Gruppe der Nebenerwerbslandwirte jedoch die zweithäufigste landwirtschaftliche Betriebsform in Westrup. Außerhalb der Landwirtschaft tätig waren fast ausnahmslos die Vertriebenen und Evakuierten. Hauptsächliche Arbeitgeber für jene Personen waren Ziegeleien und das Bauhandwerk. Wichtigstes Ziel für Berufspendler aus Westrup ist dementsprechend das nahegelegene Wehdem mit dem dortigen Bauunternehmen gewesen.
Die landwirtschaftlichen Betriebe verfügten in den meisten Fällen nur über kleine Anbauflächen von 2 bis 5 Hektar. Aus den kleinteiligen Hofparzellen resultiert der hohe Grad an Nebenerwerbstätigkeit, der die Westruper Bauern kennzeichnete. Während die Nebenerwerbslandwirte in der Regel genug Zeit für die Bewirtschaftung ihres Hofes freimachen konnten, bestand bei den Haupterwerbslandwirten ein Mangel an Arbeitskraft. Bei knapp drei Viertel der landwirtschaftlichen Betriebe handelte es sich um Familienbetriebe, welche in Arbeitsspitzen daher auch auf alte und sonst nicht in der Landwirtschaft tätige Familienmitglieder zurückgreifen mussten.
Eine besondere Stellung nahm in Westrup die genossenschaftliche Organisation der Landwirte ein. So wurde die Elektrifizierung des Ortes ab 1919 durch ein genossenschaftlich betriebenes Netz vorangetrieben. Besonders während des Zweiten Weltkrieges konnten hierdurch viele Grundstücke angeschlossen werden, sodass Westrup 1952 beinahe vollständig ans Stromnetz angeschlossen war.
Ebenfalls findet sich eine starke genossenschaftliche Organisation bei der Beschaffung von größeren Maschinen, beispielsweise einem schweren Schlepper zur Bewegung der ebenfalls genossenschaftlich beschafften Dreschmaschine. Von den 27 am Ort befindlichen Drillmaschinen befanden sich 18 im Besitz von Genossenschaften mit jeweils zwei bis vier teilnehmenden Höfen. Der hohe Stand an gemeinschaftlich genutzten Maschinen ist besonders vor dem Hintergrund der kleinen Höfe wichtig: Nur durch die gemeinschaftliche Investition ist es überhaupt möglich gewesen, die neuen Technologien nutzbar zu machen.
Eingeschränkt wurde genossenschaftliches Engagement durch ein lediglich auf kurze Frist ausgerichtetes, betriebswirtschaftliches Denken. Zur besseren Nutzbarmachung des vielen Grünlandes wurde in den 1930er Jahren eine Genossenschaft zum Bau eines großangelegten Drainage-Systems gegründet. Da inzwischen jedoch viele Bauern im kleinen Maßstab einzelne Drainagen gebaut hatten, verebbte das Interesse, jene Probleme auf globaler Ebene zu lösen, vor dem Hintergrund neuerlichen Investitionsbedarfes. In der Folge blieb das Wasserhaltungsproblem bis 1952 im Grunde noch immer bestehen.

Die bäuerliche Familie in Westrup

Einen Schwerpunkt der Studie bildet eine Untersuchung der Familienverbände in Westrup. Hierbei konnten zwei große Konfliktlinien entlang der Generationengrenzen beobachtet werden. Zum einen entwickelten sich Streitigkeiten aufgrund der dominanten Rolle der Altbauern. Da Altenteile am Ort unüblich waren, wurde der Hof zumeist beim Tod des Altbauern an die nächste Generation weitervererbt. Vereinzelt konnte beobachtet werden, dass noch auf dem Sterbebett Entscheidungen getroffen wurden, um einem Handeln des Sohns zuvorzukommen. Belegt ist eine Jungbauernfamilie, die den elterlichen Hof verlassen musste, bis sich der Zorn der alten Generation gelegt hatte, sowie das Übergehen eines eingeheirateten Jungbauern ein der Erbreihenfolge zu Gunsten des Enkels.
Auch die Ehe der jüngeren Generation barg hier Konfliktpotential. Die Autorität über die Küche und den Haushalt behielt selbstverständlich die Altbäuerin, die sich auch nicht von einem Abschluss der Hausfrauenschule beeindrucken ließ und für Neuerungen und Vorschläge unzugänglich war.
Insgesamt erscheint die Rolle der Frauen im Westrup der frühen 1950er Jahre interessant. Zwar war formal der Ehemann einzig berechtigt, über die finanziellen Mittel der Familie zu bestimmen, ebenso über die beruflichen Perspektiven seiner Frau und seiner Kinder. Auch bestanden feste Rollenverständnisse, deren Durchbrechen im Ort auf Unbill stieß – welchen etwa ein Bauer hervorrief der, während seine Frau erkrankt war, durch das Küchenfenster beim Abwasch gesehen wurde. Dennoch wurde festgestellt, dass in der Alltagspraxis gerade die Frauen in Westrup in der Regel die Autorität im Haushalt ausübten. Beobachtet wurde beispielsweise, wie eine zuvor unbelastete Nachbarschaftsbeziehung zweier Höfe lediglich an der „Unverträglichkeit der Frauen“ scheiterte. Dies ist insofern beachtlich, da die direkte Nachbarschaft durch die zahlreichen in Arbeitsspitzen geleistete gegenseitige Hilfe, auch auf Familienfesten stets eine wichtigere Stellung einnahm, als die erweiterte Familie.
Die zweite große Konfliktlinie bestand zwischen den Kindern und ihren Eltern, den Jungbauern. Bedingt durch die üblicherweise kleinen Höfe, deren einziger Arbeitskräftepool die Familie des Bauern bildete, wurden in Westrup oftmals auch die Kinder nach der Schule zur Arbeit herangezogen – Freizeit blieb ihnen kaum. Jenseits der grundlegenden Bildung wurde Schule als eher hinderlich empfunden, da die Kinder erst nach Abschluss des achten Schuljahres vollständig für die Arbeit am Hof zur Verfügung standen. Mittlere Reife oder gar das Abitur waren die Ausnahme und nur bei den größten Betrieben am Ort zu finden. Eine Aus- oder Weiterbildung fand daher in der Regel nicht statt, was mit einer verbreiteten Abneigung gegenüber Neuerungen wirtschaftlicher oder verfahrenstechnischer Natur einherging, sofern sie sich nicht postwendend finanziell rentierten. Im Vordergrund stand bei allen Überlegungen die kurzfristige Entwicklung des Hofes. Die schnellstmögliche Nutzbarmachung von Arbeitskraft wog schwerer, als mittel- oder langfristige Verbesserungen durch Ausbildung. Hier wurde eher die Gefahr gesehen, die Kinder könnten dauerhaft aus dem Ort abwandern, sobald sie erst zur Ausbildung die Ortsgrenze überschritten hätten.
Die Kinder litten unter der starken Arbeitsbelastung: Durch die Dominanz der elterlichen Erwartungen gegenüber eigenen Neigungen und beruflichen Wünschen entwickelten sie oft einen harten, sehr apathischen Charakter. Eine Kultur des „Sich Abfindens“ (p. 157) bildete sich.
Erschwerend zur Belastung der Kinder mit Arbeit kam hinzu, dass die Familie keine Quelle von Entspannung oder kulturellem Leben darstellte. Gemeinsame Ausflüge fanden nicht statt, stattdessen suchten die Kinder Zerstreuung außerhalb der Familie unter Gleichaltrigen.
Insgesamt kommt man in der Studie zu dem Schluss, dass die bäuerliche Familie kaum als Lebensgemeinschaft beschrieben werden könne. Neben dem gemeinsamen Essen und Schlafen war der einzige gemeinsame Bezug die Arbeit auf dem Hof. Deutlich wird das Missverhältnis zwischen Arbeits- und Familienbeziehungen auch durch ausbleibende Entlohnung der durch die Familienmitglieder geleisteten Arbeit. Häufig kam es vor, dass sogar der verheiratete Jungbauer seinen Vater mangels festen Gehalts um Zuwendungen bitten musste. Vielmehr wurde die Familie mit Einmalzahlungen bedacht, sofern größere Einkommen, etwa durch Ernteerlöse, erzielt worden waren.
Die oben beschriebenen innerfamiliären Konfliktpotentiale hatten jedoch auch eine große Wirkung auf die gesamtdörfliche Entwicklung – und das ist vielleicht auch das Bemerkenswerte an der Westruper Dorfstudie. Die Ausrichtung auf hohe, kurzfristige Erlöse, das möglichst frühe Heranziehen der Jugendlichen zur Arbeit, das vielfach lediglich auf kurze Sicht ausgelegte Arbeiten hinderte Westrup daran, sich zu entwickeln. Das unterentwickelte Grünland mit seinem Entwässerungsproblem ist ein Beispiel dafür. Die durchaus funktionierenden und oft erfolgreich angewendeten Genossenschaftsstrukturen wurden ausschließlich genutzt, wenn kurzfristiger Nutzen ersichtlich war. Durch fachliche und betriebswirtschaftliche Ausbildung und Weiterbildung hätten jene Missstände wahrscheinlich abgestellt werden können, alle dahingehenden Versuche von Außenstehenden etwa seitens der Landwirtschaftsschulen stießen jedoch auf Ablehnung.
Somit blieb in Westrup am Ende des Untersuchungszeitraumes 1953 der Gegensatz zwischen Entwicklungspotentialen auf der einen und geistigem Stillstand auf der anderen Seite bestehen.

    Selbstverständlichkeiten und Belehrungen – die Position des Autors

Bemerkenswert bei der Lektüre der Studie ist die von den Autoren der Dorfstudie eingenommene Perspektive. Die vorgefundenen Merkmale und Strukturen des Ortes, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sowie die Lebenswelten und -bedingungen der Dorfbewohner werden umfassend dargestellt. Oft wird in diesem Zusammenhang jedoch eine normative Perspektive eingenommen und Kritik an den vorgefundenen Strukturen geübt. Dies geschieht zumeist über das Gegenüberstellen modernen Handelns mit festgefahrenen, tradierten Strukturen. Ein Beispiel dafür sind die Konflikte zwischen alter und junger Generation über die Vielfalt der zubereiteten Gerichte. Die Autoren belassen es nicht bei der Beschreibung des Konfliktverlaufes, der alten Generation wird Borniertheit und Ignoranz, sogar Bigotterie zugeschrieben:
Dass in das ungeschriebene Kochbuch der Altbäuerin moderne Gesichtspunkte der Speisenzubereitung kaum Eingang finden, versteht sich von selbst. Auch die Enkelin, die etwa die hauswirtschaftlicihe Abteilung der Landwirtschaftsschule besucht hat, vermag nur schwerlich die alte Tradition zu durchbrechen. (Erhebliche zwischenmenschliche Spannungen sind oft die Folge) Gern wird ihr allerdings in Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und im Wunsche nach einem schmackhaften sonntäglichen Nachmittagskaffee das Backen überlassen.
(p. 139)
Fast erzieherisch wird die Perspektive bei ökonomischen Fragen. Der Fokus liegt hier auf Entwicklungsperspektiven, deren fehlende Umsetzung der kurzsichtigen Arbeitsweise der Landwirte zugeschrieben wird – hier sticht das Problemfeld der Grünflächendrainage hervor.
Ambivalent hingegen ist die Position gegenüber der Rolle der Frau. Während einerseits aufgezeigt wird, dass die Frauen einer höheren Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, als die Männer, denn „ihre Arbeit geht mit dem Schließen der Stall- und Tennentür nicht zu Ende, sondern es warten dann noch Aufgaben im Haushalt auf sie, die bislang liegen bleiben mussten. Und nur zu oft muss sie vor dem Schlafengehen noch einmal zum Melken in den Stall […]“ (p. 154), die Folgen dieser Doppelbelastung werden ihnen an anderer Stelle jedoch angelastet:
„Die Sauberkeit in den Haushalten und damit auch die Instandhaltung der Wohnungen lässt vor allem im Sommer bei der weitgehend üblichen Heranziehung der Frauen zur Außenarbeit zu wünschen übrig. […] Es ist so kein Wunder, dass dann ein gewisser Schlendrian in der Haushaltsführung einreisst und diese Unordnung auf die Dauer von allen Familienangehörigen als etwas ganz Normales angesehen wird.“
(p. 136f)
An dieser Stelle kollidiert die volkswirtschaftlich-modernistische Perspektive, die die Autoren in weiten Teilen der Studie einnehmen, mit klassischen Familienbildern, was auch durch die weiter oben dargestellte Passage über den abtrocknenden Bauern besonderen Nachhall findet, wo genau dieses Rollenverständnis als kritische Pointe herangezogen wird.
Literatur
Autschbach, Paul: Die Lebensverhältnisse des kleinbäuerlichen Dorfes Westrup. Forschungsges. f. Agrarpolitik u. Agrarsoziologie eV, 1953.
von Dietze, Constantin, ed. Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952. Parey, 1953.


Jan-Malte Döring

Dienstag, 9. Dezember 2014

Dörfer der 1950er Jahre im Film

Eigentlich durch Zufall bin ich auf die Idee gekommen, einmal historische Filmaufnahmen von Dörfern anzusehen und sie, zunächst eher naiv, als Quelle für dörfliche Verhältnisse zu betrachten. Youtube bietet dazu schon ziemlich viel Material. Wir sitzen also seit einigen Wochen jeweils donnerstags im Seminar und sehen uns Filme an. Die Spannweite ist groß, wobei der Kontext oft unklar bleibt. Neben Werbefilmen, etwa der Hanomag oder von Deutz, finden sich Schulungsfilme (etwa einen aus der Schweiz) oder einfach Filme, die ohne Kommentar gezeigt werden oder kommentierte Heimatfilme. Die Diskussion über diese Filme ist bislang sehr intensiv gewesen. Die Frage, was wir dort sehen, was nicht und wie beides zu interpretieren ist, wurde immer wieder kontrovers diskutiert. Ob nun das frühere Landleben ein „schönes“ war oder nicht, läßt sich etwa anhand der Bilder nur ansatzweise beantworten. Über die Beziehungen der zu sehenden Menschen untereinander, über Hierarchien und Abhängigkeiten sagen die meisten Bilder zumindest auf den ersten Blick eben so wenig aus wie über das, was in den Häusern passierte.

Was wir regelrecht trainieren müssen, ist der genaue Blick auf das Abgebildete, wobei gleich mehrere Interpretationsansätze miteinander verknüpft werden müssen.

Dass wir gerade in der aktuellen Debatte über das Landleben und die Bedeutung der Landwirtschaft kritischer dörfliche Verhältnisse in der Vergangenheit untersuchen müssen, steht dabei für mich außer Frage. Dass diese dörflichen Idyllen (wie ich finde, waren es vielleicht welche und eher vermeintliche) auch vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gesehen werden müssen (was haben etwa die Männer nur wenige Jahre vorher gemacht, die nun frohgemut während des Schützenaufmarschs durch das Bild ziehen?), stellt sich vielleicht erst beim dritten Blick auf den Film.

Die bei Youtube zu findenden Filme sind nur ein Ausschnitt dessen, was noch vorhanden ist, weshalb die Kooperation mit dem Kulturarchiv in Hannover verstärkt werden soll.

In einem zweiten Schritt sind wir gerade dabei, wichtige Publikationen zur Entwicklung des Dorfes auszuwerten, insbesondere die große Untersuchung über das Leben in zehn kleinbäuerlichen Dörfern.

Hier ein paar Beispiele mit knappen Kommentaren von mir:
Hanomag Werbefilm
http://youtu.be/azIwawHlkDk

Und hier DEUTZ
http://youtu.be/ke6s_AyBZ_w

Der große und der kleine Claas:
https://www.youtube.com/watch?v=rau9vKBMOm0

Landwirtschaft im Jahr 1958:
http://www.youtube.com/watch?v=xmYbOWnxCvU
Schweizer Film aus Oberyhl
Sehr eindrucksvolle Darstellung, in der auch die harte Landarbeit deutlich wird. Dabei auch der Tagesablauf einer Bauernfamilie und der Jahresablauf!
spielt zwar in der SChweiz, aber vieles kenne ich auch noch als Kind, auch das Düngen mit der Hand!
neben Traktoren werden auch noch Pferde eingesetzt und auch begründet; es scheint aber immer die Sonne!

https://www.youtube.com/watch?v=nVoa1AzGF2M
Wulkow um 1960, SW-Film
sehr schöne Aufnahmen, deutlich wird die harte körperliche Arbeit von Männern und Frauen!

https://www.youtube.com/watch?v=CSwmfZQyT4I
Film von 1942 unter anderem für das Gestellheuen, wieder aus der Schweiz
passt gut zu dem Schweizer Film von 1958, dazu als Beispiel wie vermutlich die Realität aussah: Wulkow 1960

https://www.youtube.com/watch?v=BgbnSyltoKY&list=PLkzxqQvJyGzmJHI0a7ZnUh0e7023uupDu&index=16

Landwirtschaft Unterfrittenbach, am Berg, hier auch Kinderarbeit , und wie beim Film von 1958 werden Kinder zur Ernte mit eingesetzt, Männer mit der Hand und erste Maschinen, interessant ist der Unterschied zu den Lehrfilmen!
In letzteren sind die Geschlechterrollen klar, die Leute sind gut angezogen, in letzteren arbeiten Frauen und Männer gemeinsam, sind die Arbeitenden verschwitzt und haben die Männer teilweise gewaltige Muskeln
Das Besondere sind allerdings die Arbeiten am Berg mit der Seilwinde,
und immer wieder Kinderarbeit

Die erwähnte Studie über die kleinbäuerlichen Dörfer wurde 1952 durchgeführt und 1972 wiederholt, hier die Publikationen dazu:
Dietze, Constantin von: Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern: Ergebnisse einer Untersuchung in der Bundesrepublik 1952, Hamburg 1953.
Deenen, Bernd: Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern : 1952 und 1972, Münster-Hiltrup 1975.

Samstag, 4. Januar 2014

100 Jahre Landleben im Fernsehen

Anna hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht:
http://www.ndr.de/fernsehen/epg/epg1157_sid-1467898.html

Gut, ich habe mal reingehört, aber das ist mir denn doch zu viel Idylle. Übrigens sind die Kirchgänger, die auf historischen Aufnahmen zu sehen sind, vermutlich aus Lindhorst. Wir hatten die Filmaufnahmen in den 1980er Jahren auf dem Dachboden der Schule gefunden und dann aufwendig restaurieren lassen.

Übrigens war das "Lehnswesen" keineswegs bis 1815 allgemeines Gesetz und warum nur bis 1815 und warum mussten die Bauern bis in die 1930er Jahre noch für das Lehnswesen bezahlen?
Ok, ich will nicht zu kleinlich sein  ...

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Creating Rurality

Anette Schlimm mit einem interessanten Beitrag zur Konstruktion von Ländlichkeit:
http://uegg.hypotheses.org/227

Das bringt mich zu der Frage, weshalb so wenig bislang die Konstruktion von Ländlichkeit seitens der ländlichen Bevölkerung untersucht worden ist. Die oft belächelte Pseudo-Modernität vieler Dorfbewohner, die sich eine eigene, nicht bürgerlichen Vorstellungen genehme Dorfidylle geschaffen haben, wäre es einmal wert, näher betrachtet zu werden. Bislang wurde es eher als abweichendes Verhalten bewertet, siehe etwa die Normvorgaben von "Unser Dorf soll schöner werden" oder die Dorferneuerungsprogramme, die wie selbstverständlich immer die Normen der bürgerlichen Architekten als relevant ansehen, nicht die der Dorfbewohner, von denen offenbar angenommen wird, sie würden sich zu leicht von ihrer eigenen Identität abbringen lassen.

Donnerstag, 7. November 2013

Hausen - Kiebingen und die Wikipedia

In dem im vorherigen Beitrag vorgestellten Bändchen "Annäherungen an das Dorf" gibt es auch einen Beitrag von Albert Ilien über das Dorf Hausen, in dem er in den 1970er Jahren nicht nur gelebt, sondern das er auch zum Thema seiner Dissertation gemacht und über das er zusammen mit Utz Jeggle ein Buch geschrieben hat (Ilien, Albert/Jeggle, Utz: Leben auf dem Dorf: zur Sozialgeschichte des Dorfes und zur Sozialpsychologie seiner Bewohner, Opladen, 1. Aufl. 1978). Über Hausen haben aber auch noch weitere publiziert, wie Wolfgang Kaschuba und Carola Kipp (Kaschuba, Wolfgang/Lipp, Carola: Dörfliches Überleben: zur Geschichte materieller und sozialer Reproduktion ländlicher Gesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Tübingen 1982).
Hausen ist eigentlich Kiebingen, ein inzwischen eingemeindetes Dorf in der Nähe der Universitätsstadt Tübingen (den Prozess der Eingemeindung beschreibt Ilien übrigens sehr ausführlich).
Was liegt also näher, als einmal in der Wikipedia nachzusehen, was es dort über Kiebingen zu lesen gibt. Nun, eine ganz Menge: etwa dass Kiebingen ein Stadtteil von Rottenburg am Neckar ist, eine Geographie hat und auch eine Ausdehnung sowie Nachbarorte. Alles Standardeinträge wie auch der Hinweis auf eine eigene Bevölkerung.
Und es hat eine Geschichte, die mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1204 beginnt bzw. noch weiter zurück reicht, gibt es Reihengräber aus dem 5. Jahrhundert. Zudem wurde dort 1342 ein Paulinerkloster gegründet, das erst 1748 aufgelöst und im 19. Jahrhundert abgebrochen wurde. Schließlich wurde es in den 1970 von Arbeitsgruppe "um Uzt Jeggle" systematisch untersucht, so dass Kiebingen "zu den am besten erforschten Dörfern Deutschlands, siehe Literatur" gehört.
Politik gibt es auch, beschränkt sich aber auf eine Partnerschaft mit einer französischen Stadt. Wirtschaft und Infrastruktur sind nach Rottenburg ausgelagert worden, immerhin gibt es seit 1903 ein eigenes Kraftwerk, das nicht nur in diesem, sondern noch in weiteren Artikeln (mit denselben Bildern) ausführlich vorgestellt wird.
Immerhin ist dann Kiebingen noch über die Neckarbahn an die große weite Welt angeschlossen und es verfügt über Bildung, nämlich in Form einer Grund- und Hauptschule.
So kurz alle diese Informationen gehalten sind, es gibt es eine lange Literaturliste inkl. der schon erwähnten Tübinger Schriften sowie eine Ortsgeschichte aus dem Jahre 2004. Bei den Einzelnachweisen wird noch einmal das Kraftwerk verlinkt.

Was lernen wir daraus? Kiebingen ist nach Ausweis dieses Artikels eines der am "besten erforschten" Dörfer Deutschlands. Nur, was da erforscht wurde, darüber erfährt der Leser gar nichts, überhaupt nichts. Er wird mit knappen Banalitäten abgespeist. Liest man sich den beißenden Kommentar von Albert Ilien in dem erwähnten Sammelband über "tote Winkel" (S. 105), so passt allerdings wieder einiges. Dass, was kritische Sozialforschung da vor 40 Jahren über das Dorf heraus gefunden hat, darf auf keinen Fall in einem öffentlich zugänglichen Artikel in der Wikipedia stehen. Der Eintrag zeigt ein gesäubertes, nicht einmal glattes, sondern fast unkenntliches Bild des Dorfes.
Das Zitat Iliens lautet übrigens:
"Das Problem solcher toter Winkel ist ja nicht einfach, dass sie existieren, sondern, dass man tut,  als ob sie nicht existieren. Sie zu benennen kann dann von denen als Kränkung ihres Selbst- (und/oder Realitäts-) Bewusstseins empfunden werden." (Annäherungen an das Dorf, S. 105)

Mittwoch, 6. November 2013

Annäherungen an das Dorf - revisited 1

# Annäherungen an das Dorf - revisited 1

Vor dreißig Jahren wurde ein kleiner, aus einer Ringvorlesung hervor gegangener Sammelband veröffentlicht, der sich "Annäherungen an das Dorf" nannte. Autoren des Bandes waren Carl-Hans Hauptmeyer, Heinar Henckel, Albert Ilien, Karsten Reinecke und Hans Hermann Wöbse. Der Band erschien beim Fackelträger Verlag in Hannover.
Morgen werden wir einige der Beiträge dieses Bandes in unserem Seminar diskutieren und bei meiner vorbereitenden Lektüre sind mir noch einmal einige Aspekte aufgefallen.
Zuvörderst: Die Autoren waren keine "echten" Dorfbewohner, sondern entweder Städter (wie Carl-Hans Hauptmeyer) oder Zugezogene wie die übrigen (wobei ich nicht ganz genau weiß, ob damals schon alle auf dem Dorf wohnten; Albert Ilien jedenfalls berichtet über seine Erfahrungen als Bewohner von "Hausen" bei Tübingen, lebte aber später in Hannover). Menschen, die man in engerem Sinn als Dorfbewohner bezeichnen könnte, waren nicht dabei. Es waren im besten Falle Zugezogene, mit begrenztem Blick auf das Dorf. Das ist insofern wichtig, weil - auch wenn es um Wissenschaftler waren - doch um Projektionen einer besonderen Art handelte.
Die Autoren formulieren in ihren Texten durchaus unterschiedliche Perspektiven auf dörfliche Verhältnisse. Allen Texten ist aber eine Überzeugung gemeinsam, nämlich die, dass die ländlichen Verhältnisse sich in einem fundamentalen, alle bisherigen Entwicklungen übertreffenden Bruch befanden, wobei das Neue als bedrohlich, zumindest herausfordernd bewertet wurde. Handelte es sich dabei vielleicht um Projektionen, Projektionen, die - wie schon die Heimatbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert - Dorfbilder konstruierten, die mit der Selbstwahrnehmung vieler Dorfbewohner nichts zu tun hatten. Wir haben so etwas auch dieses Jahr in Hösseringen feststellen können: Die "dörfliche" Gestaltung eines alten Hauses konnten wir bei den bürgerlichen Zugezogenen finden, die sehr nüchterne, mit historischen Versatzstücken lediglich ausstaffierte Wohnung dagegen bei den Alteingesessenen.
Das mag zwar Zufall sein, aber es kommt etwas Weiteres hinzu. Die Darstellungen in "Annäherungen an das Dorf" beschreiben das Dorf immer als ein durch landwirtschaftliche Aktivitäten und durch Gemeinschaftsverhalten charakterisierten Ort. Aber genau hierin liegt m.E. das zentrale Missverständnis. Landwirtschaft war eine wichtige ökonomische Basis der vormodernen Gesellschaft, aber nur eine unter mehreren. Andere ökonomische Aktivitäten werden praktisch nicht erwähnt. Das ist insofern erstaunlich, weil schon in den späten 1970er Jahren das Konzept der Protoindustrialisierung ältere Forschungen zu gewerblichen Aktivitäten des flachen Landes systematisch aufgegriffen und in ein neues theoretisches Konzept integriert hatten. Gerade diese Forschungen hatten gezeigt, dass Dörfer keineswegs ausschließlich eine landwirtschaftliche Basis hatten, sondern diese weitaus vielfältiger war.
Akzeptiert man aber diese hier nur angedeutete Beobachtung, dann wird der immer wieder postulierte starke Bruch in der Geschichte nach 1945 weitaus weniger tiefgreifend und kann umgekehrt nicht als eine Geschichte des Verlustes, sondern des Gewinns persönlicher und ökonomischer Freiheit gesehen werden. So sahen das übrigens auch manche ältere VHS-Teilnehmer, die ich in den 1980er Jahren in Lindhorst hatte: Sie hatten Dorf bis zum Zweiten Weltkrieg in erster Linie als eine Zwangsgemeinschaft erlebt, in der nicht nur die Bauern das "Sagen" hatten, sondern auch über den Alltag und die Lebensentwürfe der Dorfbewohner entschieden.
Der mit dem agrarischen Strukturwandel verbundene Kontrollverlust über das Dorf wurde demgegenüber als eine entscheidender Fortschritt angesehen, nicht als eine Verlustgeschichte. Die in den "Annäherungen an das Dorf" vertretenen Konzeptionen waren dagegen immer noch auf den Dualismus "altes" - "modernes" Dorf festgelegt.
Lassen wir dabei einmal all die Spekulationen über dörfliche Ästhetik beiseite und blicken noch auf einen anderen, teilweise offen, meist aber verdeckt vorgetragenen Aspekt, den der eigenständigen Entwicklung. Heinar Henckel schreibt dazu: "Anzustreben ist ein ländlicher Raum, der aus sich selbst heraus bestehen kann." (S. 20). Aber leider gab es auch in der Vergangenheit der letzten Jahrhunderte gerade diesen ländlichen Raum nie, er war immer vernetzt mit anderen Räumen. Die deutschen Aussiedler des 19. Jahrhunderts erhofften sich diese sich selbst genügende Landwirtschaft vielleicht in den weiten Plains des mittleren Westens und mussten auch dort feststellen, dass dies eine Fiktion war. Ohne den Bahnanschluss an die großen Zentren nutzte ihnen ihre eigene Produktion eben nichts.
Es war gerade diese Abhängigkeit, die dem historischen Dorf zumindest des 18. und 19. Jahrhunderts seine bis dahin größten Krisen bescherte. Der seit Mitte des 18. Jahrhunderts drastisch steigende Bevölkerungszuwachs basierte vorrangig auf den außerlandwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten. Als diese dann Anfang des 19. Jahrhunderts sich nach und nach auflösten, gerieten die Dörfer in eine tiefe Krise, die in eine drastische Abwanderung mündete. Dörfer waren eben nicht per se Orte, "die in extremen Krisensituationen die Chance [boten], Überlebenssituationen zu schaffen und zu sichern", wie dies Heinar Henckel im selben Band schrieb (S. 198), sondern sie boten im Vormärz eben keine Überlebenschance mehr! Und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren sie ebenfalls sehr schnell an Attraktivität für viele Zugezogene, obwohl angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln das Gegenteil zu erwarten wäre. Gut, hier wurde, wie schon im Ersten Weltkrieg, gehamstert. Aber das bedeutete keineswegs, dass die Hamsterer gern auf die Dörfer ziehen wollten - dazu war den Zeitgenossen der dörfliche Zwang zu bewußt! Selbst die Flüchtlinge und Vertriebenen zogen es meist vor, die Dörfer zu verlassen. Das ist eigentlich das Faszinierende: Dörfer wurden in dieser Zeit gerade nicht als Zufluchtsort angesehen, sondern im Gegenteil als Fluchtort.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Na also

Na also, es geht doch. In vielen aktuellen Texten wird immer noch von der guten Zeit auf dem Dorfe geträumt. Auch bei manchen wissenschaftlichen Arbeiten habe ich den Eindruck, dass dieser Traum besteht. Da tut es richtig gut, solche Texte zu lesen:
„In den Augen asphaltmüder Intellektueller vor dem Ersten Weltkrieg erschien das Dorf nicht selten als glückliche Gegenwelt zum nervösen Großstadtgetriebe, als Refugium einer harmonischen, konfliktfreien Gemeinschaft, in der noch die alten Werte gepflegt werden.“ 

Und dann:

„Das waren Projektionen, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hatten.“

Schön geschrieben. Gefunden bei:

Ullrich, Volker: Die nervöse Grossmacht : Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918 ; mit e. aktuellen Nachwort: Neue Forschungen zum Kaiserreich, Frankfurt am Main 2007 (Fischer-Taschenbuch ; 17240), Kapitel „Bauern und Landarbeiter“ (ich lese es bei Kindle und da fehlen wieder mal die Seiten; wenn Google Books richtig liegt, sollte es S. 305 sein)  

Montag, 14. Oktober 2013

Wie schreibe ich eine Dorfgeschichte? Fragen

Wie schreibe ich eine vergleichende Dorfgeschichte? Diese Frage habe ich mir in der letzten Zeit öfter gestellt. Der Weg, kurze Skizzen einzelner Dörfer, in denen ich gearbeitet und gelebt habe, zu denen also mehr als nur eine wissenschaftliche Beziehung besteht, zu schreiben, kann eigentlich nur so etwas wie eine Vorstudie sein, denn zu einem tieferen Verständnis unterschiedlicher Entwicklungen müssten noch andere Zugänge gewählt werden, etwa vergleichende, was die Siedlungslagen und -entwicklungen betrifft, soziostrukturelle, kulturelle. Wichtig wären Untersuchungen zu den Bewegungen der Bevölkerung. Wie hoch war der Austausch, woher kamen die Menschen, die in den jeweiligen Dörfern lebten, wohin gingen sie und vieles mehr. Gerade dieser letzte Punkt wurde in Dorfstudien nur selten behandelt, dabei zeigen die allein für Krainhagen vorliegenden Zahlen, dass der Migrationsanteil nicht unerheblich war. Vergessen werden für die Zeit ab 1850 dabei gern die jungen Frauen, die als Haushaltshilfen gern in die Städte abwanderten. Im Rahmen unseres Projektes zu den Kriegstoten wird ebenfalls deutlich, wie viele Dorfbewohner (ich habe die Zahlen einmal für Krainhagen ausgewertet) aus Nachbarorten oder sogar weit weg liegenden Orten kamen.

Und dann noch die Bilder. Aber wie zeigt man ein Dorf auf Bildern "richtig"? Was wäre die jeweilige Essenz? Was sollen die Bilder zeigen? Wie können sie die Vorstellungen und Erwartungen der Betrachter "brechen"? Wie erreichen wir ehrliche Bilder vom Dorf, nicht solche, die analog zu den schönen Fachwerkhäusern in Städten, das Vorzeigbare zeigen? Wie soll der Blick hinter die Kulissen aussehen? Ich bin mir da noch sehr unsicher. 

Dienstag, 17. September 2013

Zur Einführung

Die Beiträge dieser Seite basieren auf den Manuskripten einer Vorlesung des Sommersemesters. Ich habe sie weitgehend so belassen; der Verweisapparat ist vorerst knapp gehalten.

In den ersten Sitzungen dieser Vorlesung werde ich über Bilder von Dörfern sprechen und dabei bewusst keine Bilder zeigen. Es geht nämlich nicht um die Bilder, die man sehen kann, sondern um die, welche wir in unseren Köpfen haben, unsere inneren Bilder. Um die Bedeutung dieser Bilder zu verdeutlichen, möchte ich mit ein paar allgemeinen Überlegungen zu unserer Wahrnehmung beginnen. Kennen Sie "Savants"? Savants sind Menschen mit einer sogenannten Inselbegabung. Einige von ihnen können sich etwa an jedes kleine Detail erinnern, das sie jemals gesehen haben. Wir normale Menschen können das nicht, aber was nehmen wir überhaupt von unserer Umwelt wahr? Die Antwort darauf ist nicht einfach zu geben, doch im Kern filtern wir die Fülle an Eindrücken, die unser Gehirn permanent aufnimmt. Dabei bilden bisherige Erfahrungen und daraus abgeleitete Erwartungen eine sehr wichtige Basis. Unsere Erwartungshaltung bestimmt also in einem nicht geringen Maße darüber, was wir wahrnehmen - und was wir eben nicht wahrnehmen.

Ich beginne weder mit anschaulichen Beispielen für das, was ich zum Thema Dorf und Region sagen will, noch chronologisch, sondern mit einer kleinen Geschichte, dann mit einigen Beispielen, die meine ganz konkreten Erfahrungen mit dem Thema Dorf und Region wiedergeben. Anfang der 1990er Jahre führten wir – einige Kollegen der Universität Hannover – ein Seminar für Dorfplaner und Heimatforscher durch. Während des Eröffnungswochenendes, das im Emsland stattfand, machten wir einen Ausflug zu einigen an der Ems gelegenen Dörfern. Wir, das waren eine aus der Region stammende Kollegin und ich, wir beide also führten voller Stolz einige an der Ems gelegene Dörfer vor. Wunderbar konnte man bei ihnen das Zusammenspiel von Fluss, Dorf und auf der Geest gelegenem Ackerland, dem Esch, beobachten, die sogenannte Auenorientierung. Besser konnte man die Struktur eines niedersächsischen Dorfes kaum zeigen. Aber einige unserer Teilnehmer blickten irritiert auf das, was sie sahen. Später fragten sie uns, ob das denn überhaupt Dörfer seien. Bei der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass sie aus dem südniedersächsischen Berg- und Hügelland stammten, und für sie ein Dorf eine Siedlung darstellt, in der die Häuser dicht gedrängt aneinander stehen und der Acker weiter ab vom Dorf zu finden ist.

Die weit auseinander gezogenen emsländischen Dörfer wirkten auf sie fremd und ungewohnt. Was hier wie eine nebensächliche Episode erscheint, ist in Wirklichkeit ein entscheidender Hinweis. Zwar glaubt jeder zu wissen, was ein Dorf ist, aber diese Vorstellung ist viel individueller als den meisten bewusst sein dürfte. Für die Dorfforschung ist dies eine relevante Beobachtung, denn die Untersuchung eines Dorfes sagt nicht viel über andere Dörfer aus, die Verallgemeinerung einzelner Untersuchungsergebnisse verwischt eher als das sie erklärt.

Wie sich diesem Problem also nähern? Ich möchte es im Folgenden in einer sehr persönlichen Weise tun. In den letzten 30 Jahren habe ich in einer Reihe von Dörfern gearbeitet, wobei die Anlässe und die Art der Art sehr verschieden waren. In Dreien davon habe ich lange gelebt – mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens – in anderen habe ich mit Heimatforschern oder einfach Dorfbewohnern über deren Geschichte geforscht, in wieder anderen war ich mit Studierenden, um Interviews zu führen oder anhand von Akten die Geschichte der Orte zu entdecken. Es sind also keine systematisch vergleichenden Studien, sondern sie hängen immer engen mit eigenen Lebensphasen und sehr individuellen Kontexten zusammen. Aber das macht diese Annäherungen vielleicht interessant.

> Ein Hinweis zu diesen Blogbeiträgen: In der Vorlesung habe ich in die folgenden Abschnitte auch systematische eingestreut, die hier ggf. noch anschließend erscheinen werden. Zunächst beschränke ich mich aber auf die vorzustellenden Dörfer.